Kommentar

Raiffeisen-Umbau: Die Ära Vincenz als Mahnmal

Nur, wenn Raiffeisen eine gesunde Balance zwischen Autonomie und Selbständigkeit ihrer Banken findet, kann die Genossenschaft von sich behaupten, etwas aus der Vincenz-Affäre gelernt zu haben. 

Thomas Griesser Kym
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Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen sie hier.

Thomas Griesser Kym. (Bild: Ralph Ribi)

Thomas Griesser Kym. (Bild: Ralph Ribi)

Raiffeisen hat sich ganz schön viel vorgenommen. Im November soll der Verwaltungsrat der Genossenschaftsbank quasi rundumerneuert sein. Anschliessend obliegt es dem neu formierten Gremium, einen operativen Chef oder eine Chefin zur Regelung der Nachfolge Patrik Gisels zu wählen.

Ausserdem steht eine Strukturreform bevor, der Verwaltungsrat benötigt ein neues Vergütungsmodell, und die Bank muss ihre Rechtsform überprüfen. Mit anderen Worten: Lauter neue, von aussen kommende Köpfe an der Spitze sollen das Unternehmen neu definieren.

Damit wird die Bank für geraume Zeit vor allem mit sich selber beschäftigt sein. Und sie wird sich nicht nur mit ihrem Umbau regelmässig in den Schlagzeilen finden, sondern wiederholt auch mit der Affäre Pierin Vincenz. Gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef ermittelt die Zürcher Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung. In den nächsten Monaten dürfte die Behörde entscheiden, ob sie gegen Vincenz Anklage erhebt.

Kommt es zum Prozess, dürfte Raiffeisen mit weiteren unangenehmen, weil unrühmlichen Details aus der Vergangenheit konfrontiert werden.
Hinzu kommt, dass die Raiffeisenbanken an der Basis künftig mehr Mitsprache und mehr Macht erhalten sollen. Sie erheben diese Forderung mit breiter Brust, sind sie es doch, die das Geschäftsmodell Raiffeisens umsetzen – und der operative Erfolg stellt ihnen ein gutes Zeugnis aus.

Im Gegenzug soll die Zentrale in St. Gallen, Raiffeisen Schweiz, ihre Rolle innerhalb der Gruppe überdenken und sich in erster Linie als das verstehen, was sie von der Grundüberlegung her ist: Ein Dienstleister der Banken an der Front.

Nun ist gegen mehr Mitsprache der Basis auch in strategischen Fragen per se nichts einzuwenden. Auch ist es sinnvoll, dass die Banken nur für jene Leistungen der Zentrale bezahlen, die sie auch beziehen und nicht selber erbringen wollen und können.

Gleichwohl lauert hier auch die Gefahr, dass sich Raiffeisen verzettelt, dass der Zentrale die Kontrolle der einzelnen Banken ein Stück weit entgleitet. Das wiederum stünde quer in der Landschaft zur Forderung der Finanzmarktaufsicht, die eher mehr als weniger Zentralisierung verlangt – zumal Raiffeisen als drittgrösste Bankengruppe des Landes als systemrelevant gilt.

Raiffeisen muss folglich darauf bedacht sein, einen gesunden Mittelweg zu finden zwischen zentraler Kontrolle und grösserer Autonomie der Banken. Deren Mehr an Autonomie, Mitsprache und Machtbefugnissen darf nicht zu Eigenmächtigkeiten und Alleingängen führen. Diesbezüglich sollte die Ära Vincenz allen bei Raiffeisen eine Lehre sein. Eine fürs Leben.

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