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Alle sehnten das neue Jahr herbei – aber fürs Familienleben hatte das Coronajahr auch Vorteile

Der Jahreswechsel lädt dazu ein, Vorsätze zu fassen und zurückzublicken. Dabei zeigt sich: Das Coronajahr bot für viele Familien mit kleinen Kindern auch Chancen.

Jürg Ackermann
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Bild: Getty

Zum Schluss war auch noch der Silvester aussergewöhnlich. Zum ersten Mal seit langem zelebrierten wir den Jahreswechsel alleine. Die befreundete Familie, mit der wir in den vergangenen Jahren jeweils Silvester feierten, trafen wir nur tagsüber zum Schlitteln. Speziell war es trotzdem. Und das nicht nur wegen der rasanten Talfahrt auf Kufen. Zum ersten Mal in seinem Leben durfte der Siebenjährige bis nach Mitternacht aufbleiben. Ein grosses Ereignis!

Das Aufbleiben bis nach Mitternacht erlaubten wir unseren Kindern schon an vergangenen Silvestern, allerdings mit einem Trick. Unbemerkt verstellte ich jeweils am letzten Tag des Jahres die Stubenuhr, so dass sie gegen zehn Uhr schon Mitternacht anzeigte. Danach zündeten wir noch eine Tischbombe, liessen eine Rakete steigen, wünschten uns ein gutes Jahr und die Kinder sanken glücklich ins Bett, mit dem Gefühl schon fast in der Erwachsenenwelt angekommen zu sein, jetzt wo sie bis zum Start des neuen Jahres aufbleiben durften.

Der Lockdown schuf auch neue Freiräume

Nicht nur an diesem letzten Tag des Jahres zeigte sich. Es war ein Jahr, das so viele Gewohnheiten auf den Kopf stellte, auch im Familienleben. Dabei gab es auch Stress. Nach dem Lockdown Mitte März war die Belastung wohl am grössten. Das Leben musste neu organisiert und gestaltet werden. Negativschlagzeilen, Ängste und Ungewissheiten prägten den Alltag, auch denjenigen vieler Kinder, die beispielsweise wochenlang ihre Grosseltern nicht mehr besuchen durften.

Aber so sehr sich viele Menschen 2021 herbeisehnten und dieses vermaledeite Coronajahr mit immer neuen Schreckensmeldungen möglichst schnell hinter sich lassen wollten, es bot auch Chancen. Gerade für Familien mit kleinen Kindern.

Ohne Corona hätte es beispielsweise diese ausgedehnten Familienzeiten im engsten Kreis wie an Silvester nie gegeben. Dass das Leben so zum Stillstand kam, schuf auch Freiräume für Neues, die Hektik des Alltags entfiel für Monate, der soziale Stress ebenso.

Viel weniger Weihnachtsstress

Am deutlichsten wurde das bei der flächendeckenden Ausbreitung des Homeoffice, das für Familien vor allem ein Segen ist. Corona habe für viele das perfekte Arbeitsmodell der Zukunft nun in greifbare Nähe gerückt, sagt Arbeitspsychologe Hartmut Schulze, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Und er hat wohl Recht.

Mit dem Homeoffice entfällt beispielsweise das stressige Pendeln, es bleibt viel mehr Raum für Familienzeit. Einige Eltern können jetzt ihre Kinder sogar tagsüber ins Sporttraining, in die Musikstunden oder auf den Spielplatz begleiten. Wenn sich ein Teil der Büro-Pflichten auch am Morgen früh, wenn die Kinder noch schlafen, oder Abends spät, wenn sie schon wieder im Bett sind, ebenso gut erledigen lassen.

Gestärkt wurden in diesem Coronajahr mit Sicherheit auch viele Geschwisterbanden. Vor allem im Frühling als die Schulen für zwei Monate geschlossen waren, blieben der kleinere Bruder oder die ältere Schwester oftmals die einzigen Spielpartner.

Auch über Weihnachten hat sich gezeigt, dass diese Entschlackung des Kalenders und die Reduktion sozialer Kontakte bei aller Enttäuschung über ihr Fehlen auch befreiend wirken kann. Viele brausten in den vergangenen Jahren über die Festtage von Grosseltern, zum Götti, zur Tante oder Freunden. Alle mussten bewirtet oder beschenkt werden - mit dem damit verbundenen Stress im Vorfeld.

Die wenigen Treffen, die dieses Jahr übrig blieben, wurden wahrscheinlich viel bewusster gestaltet - im Wissen darum, wie wertvoll sie angesichts all der Einschränkungen des Lebens waren. Corona zwang viele, nicht nur Weihnachten neu zu denken.

Legendäre Bild-Schlagzeile: Warum 2020 ein «richtig geiles Jahr» wird

Ob wir das 2021 noch einmal so machen werden? Überhaupt: Mit welchen Vorsätzen soll man in ein Jahr starten, das fast ebenso ungewiss beginnt, wie das alte aufgehört hat? Da helfen uns vielleicht die alten Römer weiter. Der Dichter Horaz lieferte im Jahr 23 vor Christus mit «Carpe diem» einen Leitsatz, der sich auch noch 2000 Jahre später unverminderter Aktualität erfreut. Pflücke den Tag! Geniesse den Moment, ohne zu fest an die Zukunft zu denken.

Es ist vielleicht in der Tat keine schlechte Idee, sich darauf zu konzentrieren, was unmittelbar vor einem liegt. Denn das Coronajahr hat gezeigt, wie unberechenbar die Welt sein kann, wie schnell Pläne und Prognosen in sich zusammenfallen können.

Fast schon legendär ist in diesem Zusammenhang die Schlagzeile der Bild-Zeitung, die vor genau vor einem Jahr auf der Titelseite prangte: «Warum 2020 ein richtig geiles Jahr wird. 22 Highlights, auf die wir uns mega freuen können.» Dazu zählte das Boulevardblatt die Vorfreude auf die Fussball-EM oder die Bühnenrückkehr von Schlagerstar Helene Fischer. Daraus wurde dann bekanntlich nichts. Wie aus vielen anderen Projekten und Vorsätzen, die vor einem Jahr millionenfach gefasst wurden.

Wahrscheinlich gibt es die Fussball-EM nun dieses Jahr. Aber wer würde angesichts der turbulenten virologischen Entwicklungen der letzten Monate dafür die Hand ins Feuer legen? Sicher ist nur: Der nächste Silvester kommt bestimmt. In genau 364 Tagen.

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (9 und 7) in St.Gallen.

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