Wochenkommentar
Nachdenken über Kantönligeist, FCB und die Zukunft der beiden Basel

Wenn der FCB den Rasen betritt sind alle Fans Basler - da spielt die eigentliche Herkunft keine Rolle mehr. Hier hat das Prinzip des Kantönligeists ausgedient. Wochenkommentar zur Fusionsinitiative von Basel-Stadt und Baselland.

Matthias Zehnder
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Die Initiative sorgt dafür, dass sich die Bevölkerung in beiden Halbkantonen in den nächsten Monaten mit ihren Kantonen auseinandersetzt.

Die Initiative sorgt dafür, dass sich die Bevölkerung in beiden Halbkantonen in den nächsten Monaten mit ihren Kantonen auseinandersetzt.

Keystone

Wenn Torhüter Yann Sommer den Ball im Heimstadion des FC Basel etwas weit auskickt, dann landet er im Kanton Baselland. Viele seiner Basler Mannschaftskollegen stammen in Tat und Wahrheit aus dem Kanton Baselland: Marco Streller etwa aus Aesch, die Degen-Zwillinge aus Lampenberg, Trainer Murat Yakin aus Münchenstein. Basler sind sie trotzdem. Das gilt auch für die Fans des FC Basel: Die Muttenzer Kurve, nach der die treusten Fans des FCB benannt sind, hat den Namen nicht nur nach dem benachbarten Muttenz, viele Fans kommen auch von da.

Was für den FCB gilt, das gilt auf vergleichbare Art und Weise auch für das Theater Basel und die Universität, das Sinfonieorchester und das Basel Tattoo, für Roche und Novartis gilt es ohnehin. Basler Institutionen gehören nicht einfach dem Kanton Basel-Stadt, sie gehören der ganzen Region. Oder umgekehrt: Die ganze Region fühlt sich ihretwegen Basel zugehörig und meint mit Basel nicht einfach das, was sich innerhalb der Grenzen des Kantons Basel-Stadt befindet, sondern das pulsierende Herz der Region Nordwestschweiz.

Das ist nicht neu, aber es ist heute sehr viel ausgeprägter als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Das hat damit zu tun, dass in der Schweiz die Räume kleiner und die Pendeldistanzen grösser geworden sind. Die Mobilität beschränkt sich dabei nicht nur auf den Arbeitsweg und nicht nur auf die Zentren. Vor zwanzig Jahren überlegten es sich Jugendliche zweimal, ob sie von Diegten nach Sissach in den Ausgang gehen sollten. Heute ist die Frage, ob sie eher nach Basel oder nach Zürich gehen.

Gerade Jugendliche können kaum mehr nachvollziehen, dass auf so kleinem Raum zwei Kantone ein Existenzrecht beanspruchen. Sie verstehen den historischen Bezug nicht mehr, sei es nun den Bezug auf Hülftenschanze und Befreiung von der Stadt auf der Landschaft oder den Bezug auf die Trotzreaktion nach Teilung und Teilenteignung in der Stadt. Nicht, weil sie nichts davon wissen, sondern weil in ihrem Alltag davon nichts mehr spürbar ist.

Für die Fusionsinitiative kann das bedeuten, dass sie leichtes Spiel hat, weil bloss zusammengefügt wird, was längst zusammengewachsen ist. Es kann aber auch sein, dass die Fusionsinitiative es gerade deshalb schwer hat: Die meisten Menschen leben längst nicht mehr in ihrem Kanton, sondern in einer viel grösseren Region, die im Alltag auch Deutschland und Frankreich berührt. Sie interessieren sich deshalb nicht mehr für etwas so kleinräumiges wie einen Kanton.

Die Fusionsinitiative ist deshalb wichtig. Dabei ist nicht einmal so entscheidend, ob sie in beiden Kantonen Zustimmung findet. Die Initiative sorgt dafür, dass sich die Bevölkerung in beiden Halbkantonen in den nächsten Monaten mit ihren Kantonen auseinandersetzt. Schon das wird unser Zusammenleben ändern. Und das ist wichtig.

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