Kommentar

Nach neuen Missbrauchsvorwürfen junger Ex-Kaderturnerinnen gegen Magglingen: Das Leiden muss endlich aufhören

Analyse zum Missbrauch junger Spitzenturnerinnen im Schweizer Turnsport: Die Schweiz hat einen handfesten Skandal – spätestens jetzt.

Odilia Hiller
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Odilia Hiller

Odilia Hiller

Einschüchterungen, Erniedrigung, Misshandlungen. Acht Frauen, ehemalige Spitzenturnerinnen der Rhythmischen Gymnastik und des Kunstturnkaders am Nationalen Sportzentrum in Magglingen, klagen an. Im Rahmen einer umfangreichen Recherche aus dem Hause Tamedia erzählen sie, wie sie systematisch gezwungen wurden, alle menschlichen Bedürfnisse, vor allem aber ihre Körper und Seelen in den Dienst einer höheren Sache zu stellen: dem Gewinnen von Medaillen, um jeden Preis.

Die Vorwürfe waren bekannt. Nun werden sie nochmals minutiös journalistisch aufgearbeitet. In einem nie dagewesenen Umfang, mit Kontext sowie Expertenstimmen versehen und sauber gebüschelt.

Essstörungen, Zusammenbrüche, Depressionen

Es ist die Rede von Essstörungen, Zusammenbrüchen und Depressionen. Von Anfeindungen, Druckversuchen und Vertuschungen seitens der Trainerinnen und Trainer, aber auch der verantwortlichen Funktionäre, notabene des Schweizerischen Turnverbands.

Die Dichte und Detailliertheit der Leidensgeschichten verschlägt jedem auch nur ansatzweise mitfühlenden Leser den Atem. Der Schweizer Turnsport hat es spätestens jetzt mit einem handfesten Skandal zu tun.

Was die Verantwortlichen bis anhin stets als bedauerliche Einzelfälle und «normale» Konfliktsituationen wegwischen wollten, quillt nun in einem Ausmass an die Öffentlichkeit, das es den politischen und sportlichen Verantwortlichen kaum noch weiter ermöglichen wird, die Augen zu verschliessen und auf Tauchstation zu bleiben.

Auch dem Bundesamt für Sport und Swiss Olympic, die zwar beschwören, im Hintergrund aktiv zu sein, gegen aussen aber stets daran gemahnen, dass für solches die «Verbände» zuständig seien. Das Problem ist deshalb nicht zuletzt ein strukturelles – und ein historisches.

Turnvereine sind selbsterklärte Familien

In der Schweiz werden Kinder, die Sport treiben, weitgehend in Laienstrukturen gross. Turnvereine sind selbsterklärte Familien, die – so will es das Selbstverständnis seit je her – für sich selber schauen. Die Öffentlichkeit hat sich für die Erfolge, Medaillen und Ranglisten zu interessieren. Aber bitte nicht dafür, was hinter den Kulissen läuft.

Dies wird Kindern seit Jahrzehnten vermittelt. Oft unter aktiver Mithilfe ihrer Eltern, die nicht selten eigene Komplexe und Nachlässigkeiten damit kompensieren, dass sie ihren Nachwuchs im Sportverein versorgen – in der Meinung, a) er sei dort gut aufgehoben, und b) es könnte im Falle des Erfolgs ein wesentlicher Teil des Glanzes auf sie selber zurückfallen.

Die fehlende Professionalisierung

Die Professionalisierung dieser Strukturen hinkt seit Jahren hintennach. Offensichtlich haben es die Verbände verpasst, obwohl teils grosszügig durch öffentliche Gelder finanziert, dort genau hinzusehen, wo Kinder am Übergang zum Erwachsenwerden bis zum Umfallen gedrillt werden.

Zu gross ist der Konkurrenzdruck aus dem Ausland, wo vermeintlich alles noch viel schlimmer sein soll. Die Opfer dieses Systems sind in diesem Fall Mädchen und junge Frauen. Ihr Leiden, so wird durch die Magglingen-Protokolle offenkundig, wollte niemand sehen. Auch nicht ihre Eltern, selbst wenn diese von den Protagonistinnen systematisch in Schutz genommen werden.

Vieles, was eigentlich undenkbar sein müsste, spielt sich in hermetisch abgeriegelten Trainingshallen ab.

Der ganze Bereich profitiert von der Eigenschaft vieler Kinder – und gerade Mädchen – es ihren engsten Bezugspersonen recht machen zu wollen. Stets zu genügen und für Leistung und das Missachten der eigenen Grenzen gelobt und geliebt zu werden, ist bei Kindern in Abhängigkeitsverhältnissen im schlimmsten Fall eine Überlebensstrategie. Umso grösser ist die Verantwortung der Erwachsenen.

Eine Hackordnung, die solches toleriert und fördert, gehört abgeschafft. Es geht nicht an, im Jahr 2020 untätig zuzusehen, wie Mädchen und junge Frauen drangsaliert und in Rollen- und Körperbilder gedrängt werden, die sie jede Selbstachtung verlieren lassen. Der Respekt gehört den jungen Frauen, die den Stein ins Rollen bringen, indem sie schonungslos offen ihre Geschichten preisgeben.

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