Mein Leben im Dreiland
Nach dem Einkauf in Deutschland am Zoll anstehen - wegen 89 Cents

5,2 Millionen grüne Zettel stempelten die deutschen Zöllner im Jahr 2014 ab. Und es werden immer mehr. Allein im Raum Lörrach machen 40 Zöllner nichts Anderes als das.

Peter Schenk
Peter Schenk
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Vor dem Autobahn-Zoll in Weil am Rhein (D) staut sich der Verkehr der Einkaufstouristen jedes Wochenende.

Vor dem Autobahn-Zoll in Weil am Rhein (D) staut sich der Verkehr der Einkaufstouristen jedes Wochenende.

Keystone

Ich wollte das immer nicht so recht glauben, aber neulich ist es mir selbst passiert. Ich stand in einem Weiler Biosupermarkt an der Kasse und hatte noch eine ältere Dame vor mir. Sie sprach lupenreines Hochdeutsch, wohnte aber anscheinend in der Schweiz, denn sie bat die Kassierin darum, ihr einen Ausfuhrzettel zu geben, falls der Mehrwertsteuerbetrag über einem Euro liege. Sie hatte nicht viel eingekauft, denn der Betrag lag bei 89 Cent. Sie hat sich den Zettel doch ausstellen lassen und wird also für nicht einmal einen Franken am deutschen Zoll für ihren Stempel anstehen, den grünen Zettel beim nächsten Mal wieder mitbringen und ihn vorlegen. Was für ein Aufwand für diesen kleinen Betrag!

Ich habe dann die Kassierin auch gefragt, wie hoch der Mehrwertsteuerbetrag bei mir sei. Sie sagte: «Sicher mehr als 89 Cent.» Weil ich nur Lebensmittel gekauft habe, bei denen der Mehrwertsteuersatz niedriger als bei Drogerieartikeln ist, die es in dem Geschäft auch gab, kamen schliesslich 3.76 Euro zusammen. Ich habe an die Schlange am Zoll gedacht und dann verzichtet. Der Dame mit dem 89-Cent-Schein war es vielleicht ein wenig peinlich, denn sie hat nach dem Bezahlen eine Tafel Schokolade liegen lassen. Ich habe ihr das noch sagen können und sie hat sie geholt. So war die Rückerstattung also doch kein Nullsummenspiel.

Für die deutschen Zöllner sind die Massen der grünen Zettel ein Problem. 2014 stieg ihre Anzahl auf 5,2 Millionen, und es werden immer mehr. Allein im Raum Lörrach machen 40 Zöllner nichts Anderes, als Zettel abzustempeln. Auf einer Medienkonferenz habe ich Horst Reichl kennen gelernt, Vorsitzender des Berufsverbands Baden der BDZ – Deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft. Reichl findet, der deutsche Zoll könne den Anstieg personell und von der Infrastruktur her nicht mehr bewältigen.

Die BDZ schlägt stattdessen vor, bis zu einem Warenwert von 100 Euro ganz auf das Abstempeln zu verzichten. Die Kunden würden weiter grüne Zettel erhalten und diese beim nächsten Einkauf vorlegen, um das Geld zurückzuerhalten. Da laut Ansicht von Horst Reichl 80 Prozent der grünen Zettel Beträge zwischen 1 und 100 Euro betreffen, wäre der Zoll stark entlastet. Warum eigentlich nicht, habe ich mich gefragt. Aber es gibt einen Haken. Das deutsche Bundesfinanzministerium sieht rechtliche Probleme. Die Zollgewerkschaft ist zwar anderer Meinung, aber letztlich bleibt ihr jetzt nur, auf einen Ministerwechsel oder die Automatisierung zu hoffen, die seit einiger Zeit geprüft wird.

Einfacher machen es sich da die französischen Zöllner. In Frankreich liegt der Betrag für die Mehrwertsteuererstattung bei mindestens 175 Euro. Fabrice Renner, Weinhändler und Präsident des Detailhandelsverbands «Vitrines de Saint-Louis», versucht seit geraumer Zeit zu erreichen, dass der französische Zoll die Ausfuhrzettel nicht nur am Autobahnzoll, sondern auch am Lysbüchel abstempelt. Aber da ist nichts zu machen. «Sie sagen, sie hätten zu wenige Mitarbeiter dafür», berichtet Renner.

Er macht immerhin zehn Prozent seines Umsatzes mit Kunden aus der Schweiz, die sich die französische Mehrwertsteuer zurückholen. In Deutschland wollen die meisten Detailhändler von einer Bagatellgrenze für die Erstattung nichts wissen. Auch, wenn es nur um einen Euro ginge, sei das gute Kundenbindung, hat mir ein Drogist gesagt. Wenn der Eurokurs weiter dümpelt, dürfte sich also in nächster Zeit nichts ändern an den langen Schlangen vor den deutschen Zollschaltern. Und auch das 8er-Tram wird wegen des Chaos am Zoll Friedlingen weiter Verspätung haben.

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