Per Autostopp um die Welt (103)
Müssen Amazonas-Besucher ein schlechtes Gewissen haben?

In Woche 103 auf seiner Reise um die Welt reist Thomas Schlittler mit seiner Freundin von Lago Agrio (Ecuador) nach Quito (Ecuador).

Thomas Schlittler
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Thomas Schlittler Woche 103
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Allzu oft werden die Geräusche des Dschungels von lauten Bootsmotoren übertönt.
Lea und ich sind bei weitem nicht die einzigen Touristen, die sich in den Amazonas verirrt haben.
Am meisten Verkehr hat es vor Sonnenuntergang, wenn alle Touristen zu einer Lagune chauffiert werden.
Angesichts dieses Panoramas habe ich nicht daran gedacht, ein Foto zu machen von den zahlreichen Touri-Booten.
Kann man es den Touristen übel nehmen, dass sie einen solchen Sonnenuntergang nicht verpassen wollen?
Von Lago Agrio nach Quito: Der Rest der Woche im Schnelldurchlauf. LKW-Fahrer Jimmy fährt uns ...
... am beeindruckenden San-Rafael-Wasserfall vorbei in die ecuadorianische Hauptstadt Quito.
Quito ist eine Augenweide - auch wenn das Wetter nicht ganz mitspielt.
Die Spanier haben in Lateinamerika ganz viel Unheil angerichtet. Aber eines muss man ihnen lassen: Ihre Städte können sich sehen lassen.
...
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Doch die Altstadt Quitos ist nicht nur aus der Vogelperspektive betrachtet ein Schmuckstück, auch ein Spaziergang durch die Gassen lohnt sich.
Regen hin oder her.
Wir beobachten, wie sich die Gutbetuchten ...
... die Coolen ...
... und die Durchschnittsbürger die Schuhe putzen lassen.
Zudem erleben wir mit, wie sich der äusserst populäre Noch-Präsident Rafael Correa – in wenigen Tagen muss er Platz machen für seinen Nachfolger – feiern lässt.
Correas Auftritt hat aber nichts mit seinem bevorstehenden Abgang zu tun. In Ecuador ist es üblich, dass der Präsident jeden Montag auf den Balkon des Präsidentenpalasts tritt.
Das ist Teil einer Zeremonie für die wöchentliche Ablösung der Wachen – inklusive Nationalhymne singen und Fahne hissen.
Von Quito nach Aloag: Mit dem gut gelaunten LKW-Fahrer Victor geht es weiter Richtung Süden.
Von Aloag nach Salcedo: Gonzalo kennt einen Schweizer, der seit 40 Jahren in Ecuador lebt – und Käse produziert. Leckeren Käse, wie Gonzalo versichert.
Von Salcedo nach Ambato: Luiz verstehen wir nur schlecht. Als ich ihn frage, ob er etwas langsamer sprechen könne, sagt er grinsend: "Nein."
on Ambato nach Colta: Angel ist ein schüchterner Typ, er weist uns aber immer darauf hin, wenn wir etwas fotografieren müssen.
Zum Beispiel den Vulkan Chimborazo, der leider aber von dicken Wolken verdeckt wird.
Uns bleiben aber noch die saftig-grünen ecuadorianischen Hochlandfelder.
Von Colta nach Alausi_Secundo plant im Herbst eine einmonatige Reise nach Europa. Spanien, Frankreich und Italien stehen auf dem Programm.
Er bringt uns in sein Heimatdorf Alausi, wo unsere Autostopp-Woche endet.

Thomas Schlittler Woche 103

Thomas Schlittler

Meine Freundin Lea und ich haben diese Woche fünf Tage im ecuadorianischen Amazonas-Regenwald verbracht, genauer gesagt im Naturreservat Cuyabeno. Die Vielfalt an Pflanzen und Tieren liess mein Hobby-Fotografen-Herz höher schlagen: Ich bekam Affen, Faultiere, Schlangen, Spinnen, Süsswasserdelfine sowie Insekten und Vögel in allen Farben und Grössen vor die Linse.

Ganz unbeschwert konnte ich den Aufenthalt im Amazonas aber nicht geniessen. Denn wenn ich am Nachmittag in unserer kleinen Dschungel-Lodge in der Hängematte lag, wurden die beruhigenden Geräusche des Regenwalds alle paar Minuten von laut knatternden Bootsmotoren übertönt.
Am Abend erreichte der Schiffsverkehr auf dem Cuyabeno-River seinen Höhepunkt. Dann wurden die Touristen zu einer Lagune chauffiert, um bei einem Bad den Sonnenuntergang zu beobachten. Auf einigen Booten wurde dazu Musik aufgedreht.
Man muss kein Zoologe sein, um zu erkennen, dass die Tiere des Amazonas keine Freude haben an den lauten, zweibeinigen Gästen. Als wir an einem Tag mit einem kleinen, motorfreien Kanu durch den Regenwald paddelten, suchten viele Vögel sofort das Weite, sobald sich ein anderes Boot mit dröhnendem Motor näherte. Dass einige Besucher beim Wildlife-Watching auch noch ein Bier in der Hand hatten, war den Tieren wahrscheinlich egal. Ich empfand es aber als Gipfel der Respektlosigkeit gegenüber dem Amazonas und seinen Bewohnern.

Apropos Amazonas-Bewohner: Nicht nur das Leben der Tiere hat sich durch die Touristenmassen verändert. Auch an den indigenen Völkern, die das Gebiet um den Cuyabeno-Fluss seit Jahrhunderten bewohnen, ist der Boom des sogenannten Ökotourismus nicht spurlos vorbeigegangen. Bis in die 80er-Jahre haben die Indigenas hier noch von Fischerei, Landwirtschaft und der Jagd gelebt. Jetzt verdienen sie ihr Geld mit den Gästen aus aller Welt.
Ob das ihre eigene Wahl ist, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall wirken die meisten nicht besonders glücklich. Unser Guide Darwin war zwar ausgesprochen nett und engagiert, professionell eben. Wenn ich aber anderen Indigenas, die mit ihren Booten bei unserer Lodge Halt machten, ein freundliches „Hola, ¿cómo estás?“ („Hallo, wie geht’s?“) entgegenrief, wartete ich jeweils vergeblich auf eine Antwort.
Lea und ich wurden dadurch in unserem Entscheid bestärkt, auf den Besuch einer Indigena-Gemeinde zu verzichten. Normalerweise ist ein Tag des Dschungel-Abenteuers nämlich für Brot backen mit Frauen des Siona-Stammes und einem Treffen mit dem Dorf-Schamanen reserviert – natürlich gegen Bezahlung.
Diese Besuche sollen dazu beitragen, mehr über die Kultur der Indigenas zu erfahren. Ich bezweifle aber, dass das der richtige Weg ist. Im Gegenteil: Die Touristenaufläufe tragen eher dazu bei, dass die indigenen Kulturen in ihrer ursprünglichen Form noch schneller verschwinden.
Es stellt sich deshalb die Frage: Müssen Amazonas-Besucher ein schlechtes Gewissen haben? Für mich ist die Antwort klar: ja. Man kann es drehen und wenden, wie man will, doch am Ende dient ein Amazonas-Besuch nur der Unterhaltung der Touristen. Es geht einzig und alleine um die Befriedigung des eigenen Egos.
Wem die einzigartige Pflanzen- und Tierwelt des Amazonas am Herzen liegt, der muss sie nicht mit eigenen Augen sehen, sondern sollte eine Organisation unterstützen, die sich für deren Erhaltung einsetzt. Und wer will, dass die Kultur der Amazonas-Bewohner Bestand hat, der lässt die Indigenas am besten unter sich.
Für all jene, die trotzdem ohne schlechtes Gewissen in den Amazonas reisen wollen, gibt es nur eine Option: All diese Fragen einfach ausblenden. Oder aber man zeigt mit dem Finger auf die zahlreichen Ölfirmen, die im Amazonas nach dem schwarzen Gold bohren und den einzigartigen Lebensraum noch viel schneller zerstören als die Touristenmassen. Dann sollte man es aber vermeiden, darüber nachzudenken, wie das Motorboot angetrieben wird, mit dem man durch den Regenwald kurvt ...
PS: Ja, ich weiss, dieser Text ist sehr scheinheillig für jemanden, der gerade fünf Tage im Amazonas verbracht hat. Ich bin nicht stolz darauf, aber auch ich bin eben nur ein egoistischer Tourist mit einer Kamera in der Hand und dem Wunsch, exotische Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten.

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