Dohner
Mein Amerika

Werner Fassbinders Film «Die Ehe der Maria Braun» ist voller marginaler Szenen mit weitreichender Bedeutung. Etwa diese: Nach Kriegsende sitzen in einer Beiz abgerissene deutsche Landser und warten stumm.

max.dohner@azmedien.ch
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Wohin wollen sie denn gehen?

Wohin wollen sie denn gehen?

Ein einziger amerikanischer GI sitzt unter ihnen und raucht eine «Camel». Die Kippe schnippt er auf den Boden. Und jetzt fallen wie Säcke alle Landser vom Stuhl und haschen nach der Kippe, um sie gierig zu Ende zu rauchen.

Selber gehöre ich nicht zur Generation, die dermassen am Zipfel der Vereinigten Staaten hing. Aber Fassbinders Bild für drei Jahrzehnte Geschichte zwischen den USA und Westeuropa galt gewissermassen, über die Nachkriegsjahre hinaus, auch für mich. Dieser Duft, diese Verheissung einer «Camel», setzte sich nur fort. Als Verheissung endloser Strassen, runtergebrettert im Chevrolet Impala oder Mustang (Jack Kerouac). Als wundersamer Matsch dreier endloser Tage mit Peace und Musik (Woodstock). Als erstes US-Girl, mit blonden Steckenhaaren und blumigen Stickereien an den Schlaghosen, unterwegs auf City-Hopping mit Daddys American-Express-Checks und der gleichgültigen Kussfreudigkeit ferner Colleges.

Zwei Jahre später, als ich sie besuchte, wusste sie nicht mehr, wer ich war. Ich begriff rasch, weshalb: Sie war jetzt Mitarbeiterin eines Congressman in Washington. Fieberkrank kam ich an, nach drei Tagen «Greyhound», nonstop von El Paso, Texas, bis nach D.C. Sie musterte skeptisch meine Kluft, die zu einem Rockroadie passte, nicht aber ins Büro ihres Chefs. Erst als ich aussah wie einer dieser Stutzer, die dort zu Hunderten herumweibeln, gab sie mir einen Pass. Damit gelangte ich unterirdisch zu Fuss direkt ins Capitol (CIA, bitte melden, wenn ich das nicht verplaudern darf). Ich tauchte mitten unter Marmorgranden auf, Jungs, die auch Dollarnoten zieren. Hochgradig nervös, stellte mich das Ex-College-Girl dem Congressman vor. Der grinste und hörte nie zu, wenn ich etwas sagte. Am Ende schenkte er mir einen Bildband über das politische System in D.C., bereits versehen mit seiner Unterschrift.

Neulich sah ich wieder einen Film: «Charlie Wilson’s Krieg». Er handelte von einem Senator, der Mittel beschaffte für einen verdeckten Krieg in Afghanistan. Da hatte ich zwei Amerika-Flashs. Erstens: Congressmen bleiben sich immer gleich. Zweitens: Politik in den USA ist undenkbar ohne Hollywood. Bis hinauf zu Mr. President.

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