Maturtortur
#Maturtortur und die Schwänzkultur: Wenn der Zeppelin Verspätung hatte

Céline ist an der Kanti Wohlen ein Vorbild: Sie nimmt jede Schulstunde wahr. Und damit ist sie in der Klasse unseres Kolumnisten, Patrick Züst, die einzige. Einige Schüler verbringen seit Monaten 4-Tages-Wochen.

Patrick Züst
Patrick Züst
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Die Kantonsschule Wohlen - auch diese Schule hat mit Schwänzern zu tun.

Die Kantonsschule Wohlen - auch diese Schule hat mit Schwänzern zu tun.

Meine Kollegin Céline ist an der Kantonsschule Wohlen ein absolutes Unikum. Sie ist seriös, ambitioniert und lässt mich vor den Prüfungen jeweils ihre Schulblätter abfotografieren, weil ich meine eigenen stets verliere.

Vor allem aber ist sie immer anwesend – fast ausnahmslos.

Während sich bei einem durchschnittlichen Kantonsschüler jährlich rund hundert Absenzstunden ansammeln, hatte sie über Jahre hinweg keine einzige. Und als sie vor einigen Monaten tatsächlich zum ersten Mal unfallbedingt zu Hause bleiben musste, brach damit nicht nur für uns Schüler, sondern auch für unsere Klassenlehrerin eine Welt zusammen.

Céline wird ihre Kantizeit mit nur einer einzigen Absenz abschliessen. «Du hast die Funktionsweise dieser Schule definitiv nicht verstanden», wird ihr im Bezug auf diese unglaubliche Quote jeweils vorgeworfen.

Denn ab und zu ein bisschen «Kopfschmerzen», um endlich wieder einmal ausschlafen zu können, ein plötzlicher Anflug von «Migräne» am Freitagnachmittag oder etwas «Übelkeit», damit man mit der lästigen Französischarbeit doch noch fertig wird – das gehört für praktisch alle Kantischüler dazu.

Ich habe Klassenkameraden, welche schon seit Monaten keine einzige Schulwoche mehr komplett besucht haben. Umso erstaunlicher deshalb, dass wir in der vergangene Woche zum gefühlt ersten Mal in diesem Jahr tatsächlich als komplette Klasse in einem Zimmer waren.

Wenn man einen Blick in die Wohler Absenzenhefte wirft, zeigt sich die unglaubliche Inspiration, welche sich hinter der nüchternen Fassade von so manchem Kantischüler verbirgt: «Probleme mit der Zeppelinverbindung», «Verschiebung des Raum-Zeit-Kontinuums», «Habe meinen Dödel in der Kühlschranktüre eingeklemmt» – nur einige Beispiele von kreativen Absenzen an unserer Schule. Unterschrieben, und damit entschuldigt, wird praktisch alles. Meist mit einem Augenzwinkern – manchmal auch ohne.

Viel mehr als die Lehrer scheinen sich dabei die Schüler selbst an der exzessiven Schwänzkultur zu stören. Wer als einziger nicht an eine Prüfung erscheint, nur weil er keine Lust zum Lernen hatte, macht sich damit nicht nur Freunde.

Wer bereits am Mittag nach Hause geht, «weil die restlichen Stunden ja eh nichts bringen», erntet dafür oft nur missbilligendes Kopfschütteln.

Entsprechend gross war vergangene Woche deshalb auch die kollektive Ernüchterung, als sich nur eine Stunde nach der glorreichen Wiedervereinigung unserer Klasse schon wieder die erste Schülerin wegen «Schwindelgefühlen» verabschiedete.

Céline war es übrigens nicht – schliesslich hat sie einen Ruf zu verteidigen.

Patrick Züst schreibt über sein letztes Schuljahr an der Kanti Wohlen.

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