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Verspricht ein Mail 100 Leichen, gar 100 verschwundene Leichen – so lesen das auch abgebrühte Journalistinnen.

Sabine Altorfer
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Die Kultur hat Hochsaison. Die Open Airs, die Art Basel, Klassikfestivals und Dutzende Ausstellungen stehen bevor. Alle Veranstalter bieten interessante Interviews an, laden zu Gesprächen und Besichtigungen. Aber wie bewirtschaftet man die Mail-Einladungs-Flut?

Den Veranstaltern ist eine andere Frage viel wichtiger: Wie schaffe ich es, dass mein Mail nicht nur gelesen wird, sondern dass mein Projekt in die Zeitung kommt? Die gängige Methode: anrufen. Andere schicken Reminder. Und die Dritten versuchen es mit ungewöhnlichen Methoden.

«100 Leichen verschollen», verkündete ein Mail am Mittwoch. Da kann ich doch gar nicht anders als lesen. Die Geschichte ist zwar nur halb so gruselig, aber gut. Die St. Galler Festspiele vermissen 100 Leichen ihres Bühnenbildes. Der Lastwagen mit den Requisiten aus Italien ist verschollen, der Chauffeur nicht mehr erreichbar. Huch, hat das mit dem Inhalt zu tun?

Ganz nebenbei lese ich, dass es um die Verdi-Oper «Attila» geht, die am 21. Juni im Klosterhof Premiere feiert – und schon stellt sich die Frage: Hingehen? Berichten? Die Fragen werden an diesem Tag nicht geklärt.

Aber die Fortsetzung folgt am Donnerstag: «Bald Leichenlieferung». Doch schon Stunden später wieder eine Hiobsbotschaft: Keine Leichen auf dem Klosterhof, der Lastwagen stehe noch in Como. Tags drauf, wieder vorsichtige Entwarnung ...

Gestern sind die Leichen endlich eingetroffen. Aber oh Schreck, zerbrochen. Wir leiden mit. Trotzdem: Dieses Bühnenbild wollen wir sehen! Darüber müssen wir berichten. Nur eine Frage bleibt: Ist die Geschichte für die Veranstalter tatsächlich so überraschend oder ist ihnen ein theaterreifer Marketing-Coup gelungen?

sabine.altorfer@azmedien.ch