Kommentar

Warum es grossartig ist, vor dem Fernseher mit Roger Federer zu leiden

Früher war klar: Wenn Tennis-Star Federer spielt, gewinnt er. Heute könnte jedes Spiel zum dramatischen, unvergesslichen Ereignis werden. Wir fragen uns vor dem Halbfinal gegen Novak Djokovic am Australian Open: Wie lange dürfen wir Federer noch erleben? Und wie viele magische Momente dazu?

Etienne Wuillemin
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Etienne Wuillemin

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CHM

Eigentlich ist es ja kaum auszuhalten, ihm zuzuschauen. Und die Frage ist berechtigt: Tut das unserer Gesundheit wirklich gut? Hoffen. Bangen. Fluchen. Jubeln. Fassungslos. Atemlos.

Wenn Roger Federer Tennis spielt, zieht er die Masse in seinen Bann. Auch heute Morgen wieder, ab 9 Uhr 30, lechzt die Welt nach grossen Gefühlen, wenn an den Australian Open der Halbfinal gegen Novak Djokovic ansteht. 38-jährig ist Federer mittlerweile. Ein fast schon biblisches Alter für einen Sportler. Und doch gelingt es ihm immer wieder aufs Neue, für Staunen zu sorgen. Warum ist das so? Und was macht das mit uns Zuschauern und Fans?

Früher war die Gleichung einfach: Federer spielt und siegt. Wer ein Turnier erst ab dem Halbfinal verfolgte, verpasste kaum etwas. Siege, Titel, Rekorde – es ging um Zahlen. Federer liess den Jubel normal werden. Manch einer langweilte sich heimlich etwas, verehrte Stan ­Wawrinka, weil man mit ihm mehr leiden ­konnte, oder aus Trotz gar die Rivalen Nadal und Djokovic, weil ihnen Federer zu perfekt erschien.

Heute ist es anders. Jedes einzelne Spiel von Federer ist ein potenzielles Drama. Soeben erlebt in diesen Tagen in Australien. John Millman, Tennys Sandgren – Sie haben diese Namen noch nie gehört? Macht nichts, sie sind nur Tennis-Insidern bekannt. Aber sie sind fähig, Roger Federer bis an den Rand des Abgrunds zu bringen. Umso faszinierender, wenn es Federer gelingt, sich zu befreien. Vom 4:8 zum 10:8 im entscheidenden Tiebreak. Nach sieben abgewehrten Matchbällen zum Sieg, es fühlt sich fast noch schöner an als einst die scheinbar mühelos erspielten Titel. Es sind die Momente, für die auch Federer selbst noch immer lebt.

Gleichzeitig fragen wir uns: Wie lange dürfen wir Federer noch erleben? Wie lange gelingt es ihm, die Leidenschaft für seinen Sport zu behalten? Jedes Spiel könnte das letzte sein. Wie wird es sein, ohne ihn? Jüngere Generationen kennen den Tenniszirkus ohne Federer nicht. Was fehlt, werden wir erst realisieren, wenn er nicht mehr spielt. Die Prognose ist nicht gewagt: Nie mehr wird das Tennis in der Schweiz eine derartige Bedeutung haben.

Seine Auftritte haben sich zur Sucht entwickelt – das liegt auch an der Art, wie er Tennis spielt. Gefühlvoll. Ästhetisch. Er zelebriert das Schöne. Er streichelt den Ball auf die Linien. Er lässt alles so leicht aussehen. So, wie das sonst niemand kann. Schon gar nicht Rafael Nadal oder Novak Djokovic, die ewigen Rivalen. Sie stehen vielleicht für Wille, Kraft und Verbissenheit. Und ja, an guten Tagen sind sie unbesiegbare Monster. Aber dieselbe Ausstrahlung? Nein, darauf käme niemand ausserhalb von Mallorca und Belgrad. Federer umweht auch als Mensch eine spezielle Aura. Das merkt schnell einmal, wer die Schweiz verlässt. Niemand hat so viele Verehrer wie Federer. Er ist bei allem Erfolg bescheiden geblieben. So wie wir Schweizer das eben ­mögen.

Und nun also der Halbfinal gegen Djokovic. Ein nächstes Heroenstück? Es wäre ein kleines ¬Wunder angesichts des lädierten Körpers von Federer. Und trotzdem, wir erinnern uns: Wimbledon 2019, ein Sonntag Mitte Juli. Der Final gegen Djokovic. Federer auf dem Weg zu einem seiner grössten Titel. Er hat Matchbälle. Vor dem Fernseher kullern schon die Tränen – aus Ergriffenheit. Ein einziger Punkt noch. Und dann das: Federer scheitert. Ein epischer Kollaps, eine der schlimmsten Niederlagen überhaupt. Für ihn. Für die Fans. Für die Schweiz. Für die Welt. Fassungslosigkeit. Und sofort die Frage: Werden wir ihn je wieder sehen in einem Grand-Slam-Final? Vielleicht sogar als Sieger?

Die Gewissheit von früher, dass der nächste grosse Titel bestimmt bald kommt, ist einer leisen Hoffnung gewichen. Noch schauen wir ihm zu, um magische Momente zu erleben. Auch wenn wir leiden müssen. Immer ein bisschen mehr.