Kommentar
Zur Debatte um die Definition von Vergewaltigung: Das Sexualstrafrecht ist besser als sein Ruf

Die Politik berät derzeit, wie das Gesetz verschärft werden soll. Dabei gibt es ein Missverständnis.

Andreas Maurer
Andreas Maurer
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«Ich wurde vergewaltigt.» Alle wissen, was mit dieser Aussage gemeint ist, und reagieren mit Betroffenheit.

«Ich wurde sexuell genötigt.» Diese Aussage klingt weniger brutal, eher technisch. Die wenigsten wissen, was gemeint ist, und reagieren mit Fragen.

Dabei kann es sein, dass ein Täter, der eine schwere sexuelle Nötigung begangen hat, länger ins Gefängnis muss als ein Vergewaltiger. Beide Delikte haben eine Höchststrafe von zehn Jahren.

Aktivistinnen betreiben derzeit viel Aufklärungsarbeit, um die Definition von Vergewaltigung auszuweiten. Zu kurz kommt dabei Aufklärungsarbeit, die erklärt, was heute eigentlich schon im Gesetz steht. Zum Beispiel, dass es gleich schlimm sein kann, «nur» Opfer einer sexuellen Nötigung oder einer Schändung zu sein.

Aktivistinnen von Amnesty International projizieren eine Botschaft auf den Wohnblock Lochergut in Zürich.

Aktivistinnen von Amnesty International projizieren eine Botschaft auf den Wohnblock Lochergut in Zürich.

Alexandra Wey / Keystone (Zürich, 7.3.2021)

Dabei geht auch vergessen: Schon heute ist Sex gegen den Willen einer Person nicht erlaubt. Es steht nirgends im Gesetz, dass sich ein Vergewaltigungsopfer wehren muss. Aber wenn es nur den Kopf schüttelt, ist das viel schwieriger zu beweisen. Deshalb ist bei Gegenwehr eine Verurteilung wahrscheinlicher. Das bleibt auch so, wenn das Gesetz verschärft wird.

In der Debatte wird viel über Begriffe gestritten. Ob eine Tat nun aber Vergewaltigung, sexuelle Nötigung oder sexueller Übergriff heisst, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Strafe dafür gerecht ist.