Kommentar
Facebook schränkt die Gesichtserkennung ein: Der technische Rückschritt ist ein gesellschaftlicher Fortschritt

Nicht alles, was möglich ist, soll auch gemacht werden. Man kann Technologie regulieren. Manchmal wird sie allerdings auch überreguliert.

Raffael Schuppisser
Raffael Schuppisser
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Bloss noch Schatten: Gesichter werden nicht mehr im grossen Stil ausgelesen.

Bloss noch Schatten: Gesichter werden nicht mehr im grossen Stil ausgelesen.

Keystone

Einst erkannte Facebook alle Freunde, die auf einem Bild zu sehen waren, und zeigte ihre Namen an. Später wies einen das soziale Netzwerk nur noch darauf hin, wenn man selber auf einem Foto, das jemand hochgeladen hat, zu sehen war. Nun geht auch das nicht mehr.

Was wie ein technologischer Rückschritt aussieht, ist in Wahrheit ein gesellschaftlicher Fortschritt. Meta, wie das Unternehmen von Mark Zuckerberg seit neustem heisst, schränkt die Gesichtserkennung ein.

Allzu viel Lob für den Konzern wäre aber fehl am Platz. Meta handelt nicht pionierhaft, sondern reagiert vielmehr auf den Zeitgeist. Je stärker China die Überwachung seines Volks durch Gesichtserkennungsalgorithmen ausbaut, desto umstrittener wird die Technologie im Westen. Apple, Google und Microsoft haben ihre Gesichtserkennungsfunktionen schon länger eingeschränkt.

Technologisch wäre es ein Leichtes, binnen Sekundenbruchteilen das ganze Netz nach einem beliebigen Gesicht zu durchsuchen – so wie das auf den bei Google oder Apple gespeicherten privaten Fotoalben der Fall ist. Doch mit gutem Grund unterbinden die Technologie-Konzerne diese Möglichkeit, um die Privatsphäre der Nutzer zu wahren. Damit ist die Gesichtserkennung wohl die erste Digital-Technologie, die bewusst eingeschränkt wird.

In anderen Bereichen ist das schon länger der Fall: So gibt es etwa keine Sprays mehr mit dem Treibhausgas FCKW und keine Verbrennungsmotoren ohne Katalysator und Russfilter. Technologien kann man regulieren. Das geht sogar so gut, dass damit auch mal übertrieben wird und es zu Überregulierungen kommt. Gerade auch in der Schweiz. So sind viele Bedenken gegenüber der Gentechnologie dank neuen Verfahren wie Crispr-Cas9 überholt, ein Moratorium aber bleibt bestehen. Dabei könnte hier der technologische Fortschritt zu einem gesellschaftlichen Fortschritt führen.

Nicht alles, was technologisch machbar ist, wird auch gemacht. Der Mensch hat es selber in der Hand, wie er mit neuen Technologien umgehen will. Ob er sie beherrscht oder von ihr beherrscht wird.

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