Kommentar
Duell der Ideologien: Das Unwetter unterscheidet nicht

Chinesischer Kommunismus oder westlicher Liberalismus? Gegen die Naturgewalt ziehen beide den Kürzeren.

Fabian Kretschmer, Peking
Fabian Kretschmer, Peking
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Das Dorf Insul in Rheinland-Pfalz ist nach den massiven Regenfällen weitgehend zerstört.

Das Dorf Insul in Rheinland-Pfalz ist nach den massiven Regenfällen weitgehend zerstört.

Boris Roessler / dpa

Wer die schockierenden Videos auf Chinas sozialen Medien gesehen hat, kann nur darüber staunen, dass die Behörden bislang lediglich zwölf Tote bestätigt haben: Im zentralchinesischen Zhengzhou haben sich die Strassen zu reissenden Fluten verwandelt, ganze Bezirke waren vom Stromnetz abgeschnitten, darunter mindestens auch ein Krankenhaus. Ein Fernzug musste 40 Stunden lang auf mittlerer Strecke anhalten und ohne Nahrungsmittelversorgung für die Passagiere auskommen.

Überschwemmungen gehören in weiten Teilen Chinas leider zur traurigen Sommerroutine. Auch wenn die Regierung die Flüsse des Landes mit Dämmen und Entwässerungssystemen unter Kontrolle zu bringen versucht, werden die Ausmasse der Unwetter immer monströser: Im letzten Sommer kamen bei Überschwemmungen in China mehrere hundert Menschen ums Leben. Der Drei-Schluchten-Staudamm – immerhin einer der grössten weltweit – hatte noch nie mit einem derart hohen Wasserstand zu kämpfen.

Doch das zentralchinesische Henan zählt eigentlich nicht zu den traditionellen Hochrisikogebieten. Das Flachland ist so etwas wie die Kornkammer der Volksrepublik. In den offiziellen Staatsmedien wird der historische Regenfall vor allem mit einem Taifun erklärt, der derzeit von Osten auf die chinesische Küste zusteuert.

Laut Angaben der nationalen Wetterbehörde hätte der Taifun Luftströme in Richtung Henan gedrückt, die sich in Niederschlägen aufgelöst hätten. Debatten über Folgen des Klimawandels hingegen finden derzeit nur am Rande statt. Dabei liegt es auf der Hand, hinter den extremen Unwettern in diesem Jahr System zu erkennen – vom Hitzerekord in Kanada über die Waldbrände in Sibirien bis hin zu den Jahrhundertfluten in Westdeutschland.

Doch die humanitäre Katastrophe in Henan bringt nicht nur die Risiken des Klimawandels ans Tageslicht, sondern auch die Verlogenheit der chinesischen Zensur, die selbst Beiträge von Überlebenden löscht. Die «Renmin Rebao», Zeitung der Kommunistischen Partei, hat gar die Unwetter auf ihrer heutigen Titelseite nicht einmal erwähnt.

Halbversunkene Autos in Zhengzhou in der Provinz Henan.

Halbversunkene Autos in Zhengzhou in der Provinz Henan.

Vcg / Visual China Group

Am Dienstag beschwerte sich der renommierte Journalistik-Professor Zhan Jiang auf seinem Weibo-Account, warum der lokale Fernsehsender in Henan weiterhin die Seifenopern im Vorabendprogramm übertragen würde, anstatt über die Fluten zu berichten. Das Staatsfernsehen berichtete dann am Mittwoch zwar ausgiebig, jedoch stets mit Fokus auf die angeblich erfolgreichen Bergungsarbeiten. Die Todeszahlen wurden nur am Rande erwähnt, Kritik an den Behörden war nicht einmal im Ansatz zu vernehmen.

Dies ist umso erstaunlicher, als dass ebenjene Staatsmedien noch mit einer Mischung aus Schadenfreude und Zynismus auf die Fluten in Westdeutschland geblickt haben. Oder, wie es der Bloomberg-Journalist Vincent Lee, der lange Jahre in China gelebt hat, pointiert auf seinem Twitter-Account schreibt: «Bestimmte Personen, die im übertragenen Sinne auf den Gräbern der deutschen Opfer tanzten, die letzte Woche während der Überschwemmungen ums Leben kamen, sind nun seltsam still.»

Gemeint ist damit wohl vor allem Hu Xijin, Chefredakteur der ultranationalistischen «Global Times», der davon schrieb, dass sich «vom Gebäudekollaps in Miami bis zu den Fluten in Deutschland der Anti-Humanismus des Westens manifestiert» habe. Und wenn sich ähnliche Mängel bei Evakuierung und Frühwarnungen in China ereignen würden, dann wären die verantwortlichen Regierungsbeamten längst bestraft worden. Die Scheinheiligkeit, wie hier mit zweierlei Mass gemessen wird, ist offensichtlich. Doch bei vielen Chinesen verfangen solche Töne, denn sie haben aufgrund der allumfassenden Zensur keinen Zugang zu freien Informationen.