Jugendkriminalität
Deutlich mehr Jugendstraftaten 2020 – obwohl sie doch hätten zu Hause bleiben sollen

Zehn Prozent mehr Strafurteile gegen Jugendliche. So lautet die ernüchternde Bilanz für das letzte Jahr. Trotz Pandemie. Immerhin wurden weniger Drogen konsumiert.

Sabine Kuster
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Wo die gewalttätigen Jugendlichen im Pandemiejahr ausrasteten, ist noch unklar.

Wo die gewalttätigen Jugendlichen im Pandemiejahr ausrasteten, ist noch unklar.

Bild: Keystone

Noch im November erwarteten Kriminalitätsexperten in der Schweiz aufgrund des Pandemiejahres weniger Delikte von den Jugendlichen. Doch Kriminalstatistik sagte im März das Gegenteil und nun zeigen es die Strafurteile bei Jugendlichen schwarz auf weiss: Zehn Prozent mehr Straftaten im Vergleich mit 2019.

Darunter eine noch grössere Zunahme bei den Gewaltstraftaten: 23 Prozent öfter kam es zu Verurteilungen wegen schwerer Körperverletzung, Angriffe, Raub und Raufhandel. Bei Letzterem fand gegenüber 2019 fast eine Verdoppelung statt. Auch die Zahl der Sexualstraftaten wuchs um 20 Prozent.

Pandemiejahr ist kein Ausreisser

Die Jugendkriminalität nimmt seit 2017 zu. Und von 2018 auf 2019 gab es eine Zunahme der Straftaten im Kanton Zürich um fünf Prozent bei den Jugendlichen – und sogar um 36 Prozent bei den Gewaltdelikten. Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Fachhochschule ZHAW, geht deshalb davon aus, dass die Zunahme ohne Pandemie noch stärker ausgefallen wäre – und er rechnet nun mit einer Fortsetzung. Denn die Pandemie habe die Jugendlichen speziell hart getroffen:

«Sie hat einigen von ihnen die Zukunftsaussichten verschlechtert und das ist immer ein Risiko für Straffälligkeit.»

Dass sich letztes Jahr gerade die Raufhändel verdoppelt haben, hat laut Baier damit zu tun, dass Clubs und Jugendtreffs zu waren und sich die Jugendlichen fast nur noch im öffentlichen Raum treffen konnten. «Dort sind Konflikte eher vor­programmiert.»

Zurück gingen die Straftaten beim Betäubungsmittelkonsum: minus 18 Prozent. Die Solothurner Jugendanwältin Barbara Altermatt blickt aber hinter die vermeintlich gute Nachricht: «Es ist nur der verzeigte Drogenkonsum, der abgenommen hat.» Anzeigen passierten meist in Bahnhofsnähe und Schulnähe – aber nicht zu Hause.

Trotzdem haben über 99 Prozent der Jugendlichen die Pandemie ohne Konflikte mit dem Gesetz bewältigt. «Die Mehrheit ist auf einem guten Weg», sagt Baier.