MaturTortur
Jetzt müssen wir ausnüchtern

Ein Kater gehört in einem Lager schon fast standardmässig dazu. Dass dieser Kater aber viel eher psychischer als physischer Natur ist, das ist wohl eine Eigenschaft, welche nur Abschlusslager haben.

Patrick Züst*
Patrick Züst*
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Teenager beim Chillen.

Teenager beim Chillen.

Keystone

So zumindest geht es momentan mir und meinen Kollegen. Nach vier Jahren Kantonsschule müssen wir jetzt geistig ausnüchtern und uns auf den Gang in die frohlockende Freiheit vorbereiten, welcher uns am kommenden Samstag an unserer Maturafeier erwartet. Dazu reisten wir diese Woche an die Französische Riviera.

Zugegeben, vielleicht ist der Kolumnen-Titel #MaturTortur für diese abschliessende Kantiphase mit Strand, Pizza und Bier nicht mehr ganz treffend. Vielleicht war er das sogar noch nie.

Dieser Meinung sind zumindest zahlreiche Leser, welche mich in den vergangenen Wochen diesbezüglich kontaktierten. Die Matur ist ihrer Meinung nach zu lasch, der «harte Schulalltag» taucht in ihren Mails nur in Anführungszeichen auf.

Die Darstellung der Kantonsschule als klassische, disziplingeprägte Eliteschule ist definitiv falsch. Gelernt wird meist nur nach dem Optimumsprinzip, geschwänzt wird ohne zu zögern. Dass ich vor einigen Wochen genau diese Themen in einer Kolumne behandelte, löste einen Sturm der Entrüstung aus.

Es ist wahr, dass die Kanti viele Freiheiten lässt. Und das ist gut so. Denn erst durch diese Freiheiten wird es Kantischülern möglich, Eigenständigkeit zu entwickeln und Leidenschaften sowohl zu entdecken als auch zu verfolgen.

Nur so wird effiziente und individuelle Elitenbildung möglich. Diese Ideen sollte man an der Kanti als Vorbereitung auf das Studium sogar noch stärker verinnerlichen. Der Durchschnittsschüler, für den die meisten Lehrer unterrichten, existiert nämlich nur noch in den wenigsten Fächern. So werden im klassischen Frontalunterricht weder schwache Schüler gefordert noch starke Schüler gefordert.

Sich aber die Kantonsschule generell als gemütlichen vierjährigen Spaziergang vorzustellen, wäre völlig verfehlt. Natürlich gibt es die lockeren Tage, an denen man sich im seichten und unkonkreten Kantiwasser entspannen kann.

Jedoch kann sich diese Ebbe schnell zur reissenden Flut entwickeln. Vor allem dann, wenn man es am wenigsten erwartet.

Und so gab es in meiner Kantizeit zahllose schlaflose Nächte, zahllose Augenringe und zahllose Traubenzucker, welche mir halfen, die Tortur der Matur durchzustehen. Und genau das sind die Momente, die einem jetzt mit einem kognitiven Kater zurücklassen.

*Patrick Züst schreibt über sein letztes Schuljahr an der Kanti Wohlen.