Milena Moser
Jetzt lernen!

Vor zwei Monaten habe ich das Schulzimmer besucht, in dem unbegleitete – und bis dahin unbetreute – minderjährige Asylbewerber aus dem Kanton Aargau Deutsch und Mathematik lernen sollten.

Peach Weber
Peach Weber
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Deutschkurse für Asylbewerber und Sans-Papiers (Symbolbild)

Deutschkurse für Asylbewerber und Sans-Papiers (Symbolbild)

Limmattaler Zeitung

Ich habe in meiner letzten Kolumne über dieses Projekt berichtet. Jetzt schaue ich noch einmal vorbei, um zu sehen, was aus dem Projekt geworden ist. Damals war der Raum leer, jetzt füllt er sich. Neun junge Menschen, 17 oder 18 Jahre alt, kommen herein. Sie stammen aus Eritrea, Syrien, Äthiopien und Somalia. Wie in jedem Schweizer Schulzimmer schütteln sie mir die Hand. Aber sie halten sie länger fest, als ich es gewohnt bin. Ich sehe, dass sie die Hand der Lehrerin nicht loslassen, so lange sie mit ihr reden.

«Wir arbeiten mit dem, was wir haben»

Vor zwei Monaten waren die meisten dieser jungen Menschen Analphabeten. Sie konnten überhaupt kein Deutsch, auch kein Englisch, Französisch, irgendeine Sprache, in der man sich hätte verständigen können. «Etwas speziell», kommentierte einer der Lehrer die Situation mit trockenem Understatement.

Ein Mädchen fehlt: Ihr Betreuer im Asylantenheimhat ihr den Auftrag erteilt, eine Wohnung zu suchen. Obwohl sie kaum Deutsch kann. Das System scheint zynisch. Ein anderer Schüler hat sich das Bein gebrochen und kann den 25-minütigen Fussmarsch zum nächsten Bahnhof nicht bewältigen.

«Wir arbeiten mit dem, was wir haben», sagt die Lehrerin (die auf eigenen Wunsch namenlos bleibt) mehr als einmal an diesem Morgen.

Herr Kesete kommt dazu, ein distinguierter älterer Herr, der seit sechs Jahren in der Schweiz lebt. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er in einem Altersheim. Jetzt hilft er im improvisierten Schulzimmer mit. Er übersetzt – und er lernt mit. «Ich muss auch besser Deutsch lernen», lächelt er. «Damit ich verstehe, was der Arzt zu mir sagt!»

Die Jugendlichen stellen sich der Reihe nach vor, nennen ihre Namen, ihre Adressen, sagen, wie lange sie schon in der Schweiz sind. Wie sie hierhergekommen sind, erfahre ich nur andeutungsweise. Eine von ihnen, eine ernsthafte junge Frau, die sich trotz des warmen Wetters in viele Kleidungsschichten hüllt, war sechs Jahre lang auf der Flucht. In einem Selbstporträt zeichnet sie sich als Strichmännchen mit einem viereckigen Kopf. Schwarz. Die einzige Farbe, rot, züngelt in kleinen Strichen aus ihrem Arm. Wie Flammen.

«Was macht ihr gern?»
«Fussball spielen. Deutsch lernen.»
Dann bin ich dran. Ich stelle mich kurz vor.
«Habt ihr noch Fragen an Frau Milena?»
«Nein», ruft Mehari von hinten, energisch.
«Jetzt lernen!»

Sie bekommen ein Bild von einem durchschnittlichen Schweizer Schlafzimmer und sollen die Einrichtung benennen. Worte, die sie gelernt haben. Kissen, Decke, Schrank, Bild. Nachttisch, Lampe. Ob diese Jugendlichen je in einem solchen Zimmer geschlafen haben?

Oder auch nur in einem so sorgfältig bezogenen Bett? Vermutlich nicht. Aber das Lehrmittel nimmt darauf keine Rücksicht.

Jeder Moment in diesem Schulzimmer macht mir bewusst, dass ich von der Realität dieser Jugendlichen keine Ahnung habe. Meine eigene Realität liefert mir keine Anhaltspunkte dafür. Doch dann benehmen sie sich wieder wie ganz normale Teenager überall auf der Welt. Als sie einander Fragen stellen sollen, die sie aus bunten Kärtchen gezogen haben. Sie kichern, sie flirten, sie necken einander. Sie lachen.

«Diese Jugendlichen sind für mich eine Quelle der Kraft und der Freude», sagt die Lehrerin.

«Ich immer glücklich jeden Tag.»

In der Pause werden Äpfel geschnitten. Dann gibts einen schriftlichen Test. Die Fragen beziehen sich auf einen Text, den sie über das Wochenende hätten lesen sollen. Die wenigsten haben es getan.

«Ihr müsst auch zu Hause üben», sagt die Lehrerin, wohl wissend, dass dieser Begriff hier schwierig ist. Zu Hause, was heisst das?

«Schule gut, zu Hause Stress», sagt Mulue.

Er sitzt neben mir. Der Kleinste der Gruppe. Er hat alle Fragen beantwortet bis auf eine: «Wer ist glücklich?»

«Glücklich?» flüstert er. Mir fehlen die Worte, es zu erklären. Also verziehe ich mein Gesicht zu einem leicht irren Grinsen.
Mulue versteht. Und er schreibt seine Antwort: «Ich immer glücklich jeden Tag.»

Die Schriftstellerin Milena Moser lebt in Aarau, zuletzt ist ihr Roman «Das wahre Leben» erschienen.