Per Autostopp um die Welt (68)
Je besser das Umfeld zu Hause, desto weniger Heimweh

Thomas Schlittler reiste diese Woche mit seiner Familie durch Alaska. Dort begegnete er auf viele Tiere in der Wildnis und schlief mit seiner Familie in kleinen Holzhütten.

Thomas Schlittler
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Per Autostopp um die Welt (68)
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Wir reisen zu viert allerdings nicht per Autostopp durchs Land, sondern mieten ein Auto. Innert zwei Wochen fahren wir über 1700 Kilometer (siehe Karte).
Über 1700 Kilometer klingt nach extrem viel. Da man in Alaska aber immer freie Fahrt hat und die Landschaft einfach nur überwältigend ist, macht uns das viele Autofahren nichts aus.
Die Natur sieht immer wieder komplett anders aus.
Am Abend bieten sich uns fantastische Sonnenuntergänge.
Und in zwei Nächten erscheinen gar die Nordlichter am Himmel.
Übernachtet wird meist in kleinen Blockhütten, die wir irgendwo auf der Strecke entdecken. In dieser Hütte hätten wir auch gerne geschlafen. Sie stand aber nicht zur Verfügung.
Ein Alaska Road-Trip ist aber nicht nur wegen der wunderschönen Landschaft spannend, sondern auch wegen der Tierwelt. Diese Elchkuh läuft direkt vor uns über die Strasse.
Und auch dieses Caribou auf der Halbinsel Kenai lässt sich von den vorbeifahrenden Autos nicht stören.
Solange die Jagdsaison noch nicht eröffnet ist, haben die wilden Tiere in Alaska nichts zu befürchten.
Wir kommen näher an sie heran, als wir erwartet hätten.
Ein Grund für einen freudigen Jauchzer!
Auf einer Schifffahrt ab Whittier bekommen wir dann auch noch Seelöwen zu sehen.
Und Seehunde...
... sowie Seeotter. Allerdings immer aus deutlich grösserer Entfernung als an Land.
Das Highlight der Schifffahrt sind deshalb nicht die Tiere...
...sondern die zahlreichen Gletscher, die direkt ins Meer laufen.
Die Farben des ewigen Eises sind beeindruckend.
Und es ist noch beeindruckender, wenn grosse Eisbrocken abbrechen und donnernd ins Meer stürzen. Allerdings zeigt es auch, dass das Eis eben doch nicht so ewig ist.
Das Highlight der Alaska-Rundreise mit meiner Familie kommt dann allerdings zum Schluss. Der Denali Nationalpark.
Der Nationalpark erstreckt sich über eine Fläche, die mehr als halb so gross ist wie die Schweiz. Privatautos sind hier verboten, nur Busse dürfen auf der Schotterstrasse verkehren.
Im Denali Nationalpark können sich die Flüsse noch besser entfalten als im Rest Alaskas.
Die Natur ist noch unberührter.
Zudem bekommt man noch mehr Tiere zu Gesicht.
Und das aus nächster Nähe.
Ich begegne erstmals einem Elchbullen.
Und ich komme ihm fast näher als mir lieb ist. Er läuft direkt auf mich zu und ich muss ein paar Schritte zurück weichen.
Grizzlybären sehen wir en masse. Diesen nähern wir uns aber nicht so weit wie dem Elch.
Aber auch aus sicherer Entfernung ist es ein geniales Erlebnis, diese wunderschönen Tiere in freier Wildbahn beim Herumtollen zu beobachten.
Es ist schön zu sehen, dass die verschiedenen Tiere im Nationalpark sorglos ihren Weg gehen können. Alaska - definitiv eine Reise wert!

Per Autostopp um die Welt (68)

Thomas Schlittler

Als meine Reise per Autostopp um die Welt immer näher rückte, heckte meine Mutter einen fiesen Plan aus: „Wir sollten Tom möglichst wenig besuchen gehen“, sagte sie zu meiner Freundin, meinen drei Schwestern und meinem Vater.

Ihr Kalkül: Dann habe ich schneller Heimweh und komme früher wieder nach Hause. Wenn ich im Family-Chat jeweils Fotos poste aus fernen Ländern, werden diese von meinem Mami zudem meist so kommentiert: „Dafür muss man nicht ans Ende der Welt reisen, das gibt es auch in der Schweiz!“
Mittlerweile bin ich seit mehr als 15 Monaten unterwegs und meine Mutter hat ihre Taktik aufgegeben. Sie, mein Vater und meine jüngste Schwester sind für zwei Wochen nach Alaska geflogen, um mich wieder einmal in die Arme schliessen zu können. Ich habe Tränen in den Augen, als ich die drei am Flughafen in Anchorage abhole.

Fantastisches Umfeld in der Schweiz

In den vergangenen Monaten bin ich mehreren Langzeit-Reisenden begegnet, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie vor etwas davonlaufen, dass sie vor ihrem Umfeld geflohen sind. Das ist ein legitimer Grund, um in die grosse weite Welt aufzubrechen. Bei mir war das aber nie der Fall. Ein guter Freund hat mir vor meiner Abreise gesagt: „Ich finde deine Pläne vor allem deshalb so bewunderswert, weil du hier glücklich bist und ein tolles Umfeld hast.“

Für mich war das ein wundervolles Kompliment. Und es stimmt, ich hatte in der Schweiz wirklich ein fantastisches Umfeld: Eine Familie, die immer für mich da ist. Die beste Freundin der Welt. Geniale Freunde, mit denen ich über alles reden kann. Einen spannenden Job. Aber ich bin trotzdem losgezogen – aus Neugier!
Zu Beginn meiner Reise habe ich oft darüber nachgedacht, ob es vielleicht ein Fehler war, alles hinter mir zu lassen. Ich habe mich gefragt, ob es in Ordnung sei, das Schicksal derart herauszufordern. Denn innert zwei Jahren kann viel passieren. Irgendeinen Job werde ich schon wieder finden, da machte ich mir keine Sorgen.

Aber wird die Beziehung mit meiner Freundin die räumliche Trennung überleben? Was ist, wenn ich mich von meinen Freunden entfremde? Ist meine älteste Schwester nicht enttäuscht von mir, weil ich die ersten zwei Jahre im Leben ihres ersten Kindes verpasse? Und wird es mir die Zweitälteste verzeihen, dass ich an ihrer Hochzeit nicht dabei bin?
Ich habe in den letzten 15 Monaten oft an meine Liebsten gedacht – deutlich öfter und intensiver, als wenn ich zu Hause geblieben wäre. Ich weiss jetzt mehr denn je, was ich an ihnen habe. Früher nach Hause will ich trotzdem nicht. Denn als ich meine Eltern und meine jüngste Schwester am Flughafen in die Arme nehme, ist sofort wieder alles wie immer. Die Vertrautheit hat kein bisschen nachgelassen.
Das gibt mir die Gewissheit, dass ich mein tolles Umfeld trotz meiner Reise nicht verlieren werde. Die Taktik meiner Mutter, mit Nicht-Besuchen mein Heimweh ins Unerträgliche zu steigern, ist nicht aufgegangen. Das Paradoxe: Der Plan hat gerade deshalb nicht funktioniert, weil ich eine so wundervolle Familie habe. Ich halte es nach wie vor gut aus in der Ferne, weil ich weiss, dass die wirklich wichtigen Leute auch nach meiner Rückkehr noch da sein werden – Familie, Freundin, Freunde.
Mittlerweile hat sich auch mein Mami damit abgefunden, dass ich zwei Jahre weg sein werde. Und sie musste nach den zwei Wochen in Alaska sogar eingestehen, dass es in der Schweiz eben doch nicht alles gibt – zum Beispiel frei lebenede Grizzlybären, die man aus nächster Nähe beim Herumtollen beobachten kann.