Analyse
Ist «Tatort» am Germanwings-Absturz mitschuldig?

Die TV-Krimiserie "Tatort" soll mitschuldig sein am Germanwings-Absturz, weil das selbstmörderische Ende auch der Inhalt eines Tatorts gewesen sein könnte. Was sollen wir davon halten?

Sabine Altorfer
Sabine Altorfer
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Die Suche nach dem Flugdatenschreiber nahm rund zehn Tage in Anspruch. Der Stimmenrekorder wurde schon kurz nach dem Absturz geborgen.
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72 Deutsche waren an Bord der Maschine.
Aufgrund der hohen Geschwindigkeit beim Aufprall wurde das Flugzeug in unzählige kleine Teile zerrissen.
Die Absturzstelle liegt auf ungefähr 1600 Metern über dem Meer und ist nur zu Fuss zu erreichen.
Germanwings-Maschine in Frankreich abgestürzt
Die Identifikation der Leichen per DNA-Analyse ist äusserst aufwendig.
Ermittler untersuchen Trümmerteile.
Das Trümmerfeld zeugt von der Wucht des Aufpralls.
Die Maschine wurde in unzählige Stücke zerfetzt.
Der 24. März wird als schwarzer Tag in die Geschichte der Region eingehen.
Die Rettungskräfte konnten die Unglücksstelle nur mit Helikoptern erreichen.
Vor dem Gymnasium der Schulklasse, welche an Bord der Unglücksmaschine ist, werden Kerzen angezündet.
Vor dem Gymnasium der Schulklasse, welche an Bord der Unglücksmaschine ist, werden Kerzen angezündet.
Trümmerteile liegen in der Berglandschaft
Trümmerteile am Absturzort
Trümmerteile am Absturzort
Ein Hubschrauber über der Absturzstelle
Rettungskräfte in der Nähe der Absturzstelle
Rettungskräfte in der Nähe der Absturzstelle
Ein Hubschrauber sucht das Gelände ab.
Die Rettungshelikopter stehen im Tal bereit
Blick aus dem Helikopter auf dem Weg zur Unglücksstelle
Frankreichs Staatspräsident François Hollande nimmt Stellung zum Flugzeugabsturz.
«Ein Schock»: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich.
Germanwings-Manager Oliver Wagner vor dre Pressekonferenz in Köln
Der französiche Premierminister Manuel Valls bespricht sich mit dem spanischen Königspaar
Die Flugkurve auf Flightradar24 der abgestürzten Germanwings-Maschine.
Angehörige treffen am Flughafen Düsseldorf ein
Polizisten vor dem Germanwings-Schalter am Flughafen Düsseldorf
Betroffenheit am Swissport-Schalter in Barcelona
Angehörige des Careteams am Flughafen Düsseldorf
Flughafen-Personal in Düsseldorf.
Die Anzeigetafel am Flughafen Düsseldorf.
Violeta Bulc, die europäische Transportzuständige.
Der Airbus A320 der Germanwings, der abgestürzt sein soll.

Die Suche nach dem Flugdatenschreiber nahm rund zehn Tage in Anspruch. Der Stimmenrekorder wurde schon kurz nach dem Absturz geborgen.

Keystone

Diesmal ist es der «Tatort». Er sei schuld – oder zumindest mitschuldig – dass Co-Pilot Andreas Lubitz die Maschine der Germanwings zum Absturz brachte und bei seinem Selbstmord 149 Menschen mit in den Tod riss. Die These tönt abstrus, war aber diese Woche in der seriösen «Süddeutschen» zu lesen. «Was könnte den Mann animiert haben?, fragt Professor Ernst Engelke. Seine Antwort: die Krimiflut und die Verherrlichung des Freitodes – vor allem aber der «Tatort». «Das tödliche Ende des Fluges 4U 9525 könnte der Inhalt eines Tatorts gewesen sein.»

Ob der Co-Pilot den «Tatort» regelmässig geschaut habe, sei unwichtig. Gekannt habe er ihn. Denn jeden Sonntagabend liessen sich Millionen Menschen durch den «Tatort», durch Mord- und Totschlag unterhalten. Aber es ist ja noch weit schlimmer, als der Professor schreibt: Krimis gehören dank der heutigen Senderauswahl und Netzangebote gar zum alltäglichen Zeitvertreib. Kommt dazu, dass auch Krimis zum Lesen boomen.

Das kriminelle Potenzial in der Film- und Bücherwelt hat zugenommen

Soll man nun die «Tatort»-These einfach als unsinnig abtun? Oder gar noch etwas besserwisserisch anfügen: Wenn man den Co-Piloten schon als Nachahmer-Täter sehen will, ist der «Tatort» die falsche Anklage. Eine tatsächlich schockierende Ähnlichkeit mit dem Germanwings-Absturz findet sich im argentinischen Film «Wild Tales – Jeder dreht mal durch». Er begeisterte diesen Januar bei uns die Kinogänger dank seines schwarzen Humors. In einer Episode entdecken die Passagiere, dass alle den Flugbegleiter kennen und ihm Leid zugefügt haben – der Mann verschanzt sich im Cockpit und will die Maschine zum Absturz bringen. Dass aus dieser aberwitzigen Fiktion brutale Realität werden könnte – wer hätte das gedacht? Unterdessen fragten sich auf Twitter zahlreiche Menschen, ob Lubitz den Film gesehen habe.

Das kriminelle Potenzial in der Fernseh-, Film- und Bücherwelt hat quantitativ zugenommen. Ob das aber zu mehr Verbrechen führt? Nein. Zumindest nicht in der Schweiz. Die Zahl der Delikte sank 2014 um 8,5 Prozent und die Anzahl Tötungsdelikte war so gering wie seit 30 Jahren nicht mehr. Denn, um beim «Tatort» und anderen Krimi-Fiktionen zu bleiben, was fasziniert die Leserin, was lockt den Zuschauer vor den Fernseher? Sind es die Untaten, ist es die Verlockung des Bösen – oder nicht doch die möglichst spannend erzählte Auflösung der kriminellen Taten? Die Helden dieser Reihen, die Identifikationsfiguren und Quotentreiber sind nicht die Böswichte, sondern die Ermittler. Und sie liebt man wegen ihrer Intelligenz, ihrer Sprüche oder unkonventionellen Methoden. Zumindest, wenn man seine sechs Sinne im Griff hat – und psychisch nicht angeschlagen ist. Das aber war Lubitz, das sind all die ihm verwandten Amokschützen, Geiselnehmer ...

Die Schuldzuweisung an Krimis und Games ist ein Reflex

Deshalb kommt uns das Muster der Schuldzuweisung an die Krimis so bekannt vor: Nach einem Amoklauf an einer Schule wird reflexartig gefragt: Spielte der Täter (zu) viele Games? Gar Killergames? Ahmte er nach, was er am Bildschirm gelernt hat? Wurde er durch die Verherrlichung, durch die alltägliche Präsenz von Gewalt zu seiner Tat angetrieben, seine Angst und Scham ausgeschaltet? Den Zusammenhang zwischen Games, Filmen, Büchern und Gewalttaten kann allerdings niemand schlüssig beweisen. Das Gegenteil aber auch nicht.

Ein Krimi- und Games-Verbot wird niemand fordern wollen. Denn trotz scheinbarem Nachahmer-Effekt: Nicht die Fiktion ist die Basis des Bösen, sondern die Realität. Selbst abstruse Geschichten, grenzenlos Böses schöpfen die Filmer und Autorinnen nicht nur aus ihrer Fantasie, sondern aus der Wirklichkeit. Müsste man also, um Nachahmer-Täter zu verhindern, konsequenterweise «die Geschichten» aus der realen Welt verbieten? Also alle Berichte über Terroranschläge, Selbstmordattentate, Geiselnahmen, Kriege. Jetzt und rückwirkend. Zensur total. Und um die gewaltfreie Gesellschaft zu erreichen – oder sie uns vorzugaukeln? –, dürften auch keine News über Raser, Einbrecher, Hochstapler und Betrüger mehr erscheinen. Der «Tatort» aber auch nicht. Ob eine solche Diktatur des
Guten funktionieren würde? Und möchten wir das wirklich?

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