Frankenstärke
Ist ein Wechselkurs von 1,03 die neue Normalität?

Es gibt Ereignisse, die vergisst man nicht so schnell. Der 15. Januar 2015, 10.30 Uhr, gehört in der Wirtschaftswelt sicher dazu.

Andreas Schaffner
Andreas Schaffner
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Im Januar hob die Schweizerische Nationalbank den Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken auf

Im Januar hob die Schweizerische Nationalbank den Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken auf

Keystone

Der Moment also, an dem die Schweizerische Nationalbank (SNB) bekannt gegeben hat, dass sie den Mindestkurs zum Euro aufgibt und für grössere Spargelder Negativzinsen einführt. Die Ankündigung war ein Schock. Nur die wenigsten haben damit gerechnet. Nicht einmal der Bundesrat war eingeweiht. Daniel Kalt etwa, der Chefökonom der UBS Schweiz, der in diesem Moment eine Pressekonferenz zum Immobilienmarkt gab, glaubte zunächst an einen Scherz, als er vom Entscheid erfuhr.

Viele KMU-Vertreter sehen seither zu, wie ihre Gewinne schmelzen. Ihre Waren wurden um 15 Prozent teurer. Dieser Preisaufschlag konnte nicht überall durchgesetzt werden. Mit der Folge, dass es ans Eingemachte geht. Kleine, hoch spezialisierte Zulieferfirmen drohen unter dieser Last zu kollabieren. Auch dem Tourismus bleiben die Gäste aus der EU weg. Ferien in der Schweiz verteuerten sich auf einen Schlag. Aber auch für die Banken wurde die Lage ungemütlicher. Sie haben neue Gebühren für Sparkonten eingeführt und die steigenden Kosten für die Absicherungen auf die Hypothekarkunden umgewälzt. Hier spielen vor allem die Negativzinsen eine wichtige Rolle.

Es sieht auf den ersten Blick besser aus als zunächst befürchtet

Ein Fazit nach fünf Monaten sieht trotz allem nicht ganz so düster aus wie zunächst befürchtet. Noch lebt man in vielen Betrieben mit vollen Auftragsbüchern und Bestellungen aus dem Vorjahr. Firmen, die Mitarbeiter entlassen haben, ging es vorher schon nicht so gut. Geht es nach den Ökonomen der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH, dann wächst die Wirtschaft dieses Jahr sogar leicht besser als noch im März vorausgesagt. Doch das Plus bleibt moderat. Andere Prognoseinstitute rechnen mit einer technischen Rezession, mit einer Schrumpfung der Wirtschaft in zwei Quartalen. Ausgerechnet vor den Wahlen also könnte die Schweizer Wirtschaft in ein Minus drehen. Die politischen Implikationen sind nur schwer abzuschätzen.

Pikant ist, dass sich für die Konsumenten in der Schweiz die Situation noch nicht entspannt hat. Anders als zunächst angenommen, sind die Preise für Importgüter nicht so stark gesenkt worden. Hier gilt es in den nächsten Wochen genau hinzusehen.

Faktisch hat die SNB in den letzten Wochen einen neuen Mindestkurs eingeführt, der zwischen 1,03 bis 1,05 für einen Euro hin und her pendelt. Fällt der Euro darunter, interveniert die Nationalbank, ohne das öffentlich zu machen. Davon sind viele Beobachter überzeugt. Und Banker sagen ganz offen, dass ohne diese Interventionen der Wechselkurs wohl eher in der Nähe der Parität liegen würde. Es ist trotzdem kaum damit zu rechnen, dass die SNB nächste Woche weitergehende geldpolitische Schritte ankündigt. Etwa eine weitere Verschärfung des Negativzinses würde die Situation der Banken, aber auch der Pensionskassen verschärfen.

Wird ein Wechselkurs von 1,03 zum Euro zur neuen Normalität?

Wenn aber der Kurs von 1,03 für die nächsten Monate, ja vielleicht noch bis ins nächste Jahr hinein, die neue Normalität ist, hat dies Konsequenzen: Der Umbau der Schweizer Wirtschaft geht viel schneller voran. Es wird zu einem schleichenden Abbau von Tätigkeiten kommen, die nicht mehr die hohe Wertschöpfung bringen. Neue Fabriken werden künftig nur gebaut, wenn sie voll automatisiert sind. Das muss nicht heissen, dass in der Schweiz nicht mehr investiert wird. Das muss nicht heissen, dass eine Deindustrialisierung stattfindet. Doch es geht mehr in Richtung Forschung und Entwicklung. Hört man sich in den Betrieben um, spricht man mit den Mitarbeitern und nicht nur mit den Chefs, sind Zukunftsängste spürbar.

Da mag der «Spiegel» die Schweizer Industrie noch so loben, ihre Robustheit und das hohe Qualitätsbewusstsein: Der Umbau fordert auch Opfer. Und das Tempo des ganzen Umbaus hängt von der weiteren Entwicklung in Europa ab. Ein Blick nach Brüssel oder Athen zeigt, wie mühsam um eine Lösung gerungen wird. Die neue Normalität ist also alles andere als gemütlich. Auch wenn es jetzt doch nicht so heftig auf uns niederprasselt wie anfänglich befürchtet.