Infektionsfolge
Ihr Geruchssinn ist nur zur Hälfte zurück – doch die junge Frau sagt: «Dafür kann ich jetzt doppelt so scharf essen»

Es war eines der ersten Corona-Schreckgespenster: der Geruchsverlust. Eine Studie zeigt, dass die Heilung oft lange dauert und nicht immer komplett ist.

Sabine Kuster
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Corona geht auf den Geruchs- und Geschmackssinn: Weil er bei einer jungen Frau nicht richtig zurück ist, dürfen jetzt mehr Chilis ins Curry rein.

Corona geht auf den Geruchs- und Geschmackssinn: Weil er bei einer jungen Frau nicht richtig zurück ist, dürfen jetzt mehr Chilis ins Curry rein.

Symbolbild: zVg

Man ist doch kein Hund, der schnuppernd die Welt entdeckt, denkt unsereiner. Bis der Geruchssinn ausfällt. Man betritt eine Wohnung, aber sie riecht nach niemandem. Auch die eigene nicht. Draussen stehen die Häuser noch, die Vögel zwitschern noch, aber ohne Duft kommt das alles irgendwie nicht im Gehirn an.

Der Geruchsverlust, und was er für Ängste auslösen kann, war ein Thema seit dem Beginn der Pandemie. Jetzt steht endlich fest: Er heilt meist komplett aus. Aber es dauert sehr lang.

Hals-Nasen-Ohren-Ärztinnen um Marion Renaud vom Universitätsspital Strasbourg begleiteten 97 Patientinnen und Patienten während der vergangenen zwölf Monate. Bei 51 davon testeten sie den Geruchssinn regelmässig. Nach acht Monaten waren 49 von 51 komplett geheilt, die beiden anderen nahmen noch nach einem Jahr Geruchsabnormalitäten wahr.

Die Geruchstests unterschieden sich vom tatsächlichen Empfinden

Interessant: In der Gruppe, die nicht getestet wurde und nur selber rapportierte, gaben hingegen 14 von 46 an, dass sich der Geruchssinn nach einem Jahr erst teilweise erholt hat. Die Autoren vermuten, dass die Tests weniger sensibel gewesen sein könnten als das Empfinden jener Patientinnen, deren Geruchssinn nur teilweise zurückgekehrt war.

«Immerhin!», sagt Caroline Erbsmehl, 31 aus Reinach BL. Auch sie riecht fünf Monate nach der Corona-Infektion höchstens zu 60 Prozent wieder, wie sie sagt.

«Es ist täglich unterschiedlich, mal schmecke ich die Salatsauce nicht, mal rieche ich ein Parfüm nicht. Und wenn doch, ist es nie so intensiv wie früher.»

Seit März habe sich der Geruchssinn nicht mehr verbessert. Jetzt übt sie sich auf Anraten ihrer Ärztin in Geduld und versucht, den Sinn mit Ingwershots und Gewürzen zu trainieren. «Ich kann damit leben, richtig schlimm waren die drei Wochen komplett ohne Geruchssinn. Im Backofen verbrannte Apérogebäck, ohne dass ich es merkte, und ich wusste nicht, ob ich nach Schweiss roch. Das stresste sehr.»

Caroline Erbsmehl verbrannte das Apéro-Gebäck im Ofen – sie roch nichts.

Caroline Erbsmehl verbrannte das Apéro-Gebäck im Ofen – sie roch nichts.

Bild: Taylor Grote/Unsplash

Noch immer steigt sie in ihr Auto und betritt ihre eigene Wohnung, als wär's eine rein virtuelle Welt. «Aber hey, dafür kann ich jetzt doppelt so scharf essen», sagt Caroline Erbsmehl. Nicht mal ihre Augen reagieren wieder richtig auf die Schärfe. Das erstaunt nicht: Die Geruchsrezeptoren sind im ganzen Körper verteilt und kommunizieren untereinander. Wo nichts wahrgenommen werden kann, kann auch nichts weitergeleitet werden.

Die Windeln des Sohnes riechen immer noch weniger stark

Sie findet aber: «Zum Glück blieb die Lunge verschont. Eine Freundin hat nun grosse Mühe beim Treppensteigen.» Sie selber hatte nebst dem Geruchsverlust gar keine Symptome. Und Ivo Amarilli, 34, aus Luzern findet: «Dass die Windel meines Sohnes noch nicht wieder gleich stark riecht wie früher, ist okay.» Er infizierte sich vor sieben Monaten mit Covid-19 und merkte, wie viel vom Spass des Lebens fehlt, wenn man nicht merkt, was man isst.

Eine andere Studie diese Woche von der Northwestern University in Illinois USA erklärte die einzigartige Verbindung der Geruchs- und Geschmackswahrnehmung mit dem Gehirn: Kein anderer Sinn wird direkt in den Hippocampus weitergeleitet, das Erinnerungszentrum des Gehirns. Deshalb fallen uns zu bestimmten Gerüchen stets auch Erinnerungen ein. Die Autoren schreiben:

«Der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns wird unterschätzt. Es hat einen tiefen negativen Effekt auf die Lebensqualität und viele unterschätzen ihn, bis sie es selber erfahren.»

Der Geruchssinnverlust führt deshalb nicht selten zu Depressionen.

Die Teilnehmerinnen der Studie in Strasbourg waren durchschnittlich 38 Jahre alt, alle unter 50-jährig und mehrheitlich Frauen (70 Prozent). Die Autorinnen weisen darauf hin, dass die zumindest teilweise Heilung bei allen durch das Alter begünstigt war. Auch hat eine Studie von 2010 ergeben, dass Frauen dabei Vorteile haben.

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