Pizza-Tour
In Italien ist manches anders

Ein knappes halbes Jahr kreuz und quer durch Italien zu reisen, auch durch Gegenden, die kaum internationalen Tourismus kennen, war eine interessante Erfahrung. Hier ein paar Erkenntnisse in Kurzform – nicht immer ganz ernst gemeint.

Martin Gysi
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In der Masseria Didactica selbst erleben, wie aus Mehl, Salz, Wasser und ein paar Kräutern feine Taralli entstehen

In der Masseria Didactica selbst erleben, wie aus Mehl, Salz, Wasser und ein paar Kräutern feine Taralli entstehen

Martin Gysi

Italiener sind im Allgemeinen neugierig, kontaktfreudig und hilfsbereit. Das macht das individuelle Reisen in Italien einfach und angenehm.

Italiener tun sich eher schwer mit Fremdsprachen. Mit ein paar Brocken Italienisch und ein wenig Gebärdensprache geht es aber immer.

Italiener sprechen stets auch mit den Händen. Sie tun dies auch am Handy, obwohl ja der Gesprächspartner die Gebärdensprache gar nicht sieht - eine der vielen italienischen Inkonsequenzen...

In Italien funktioniert einiges nicht so gut wie bei uns. Einiges geht einfach anders - ob besser oder schlechter, ist dann oft Ansichtssache. In einigen Dingen hat Italien aber die Nase eindeutig vorn. Ein Beispiel dafür sind die Fattorie resp. Masserie Didactica. Grössere Landwirtschaftsbetriebe bieten sich den Schulen als Ausbildungsstätten an. Sie beschäftigen dafür oft didaktisch ausgebildete Leute, denn die Betriebe lassen sich diese Dienstleistungen von den Schulen resp. Kunden/Eltern bezahlen. Die Angebote reichen von Ferienplausch-ähnlichen Aktionen bis zu Projektwochen für Oberstufenschüler. Die Kinder lernen dort jeweils den ganzen Produktionsprozess der Lebensmittel praktisch und anschaulich kennen: Von der Viehpflege über das Melken bis zur Käseherstellung, oder vom Getreideanbau über das Dreschen und Mahlen bis zum Brotbacken. Und diese Angebote werden eifrig benutzt, bei vielen Betrieben ist diese «Abteilung» praktisch über das ganze Jahr durchgehend ausgebucht. Ich wage zu behaupten, dass ein italienisches Kind im Durchschnitt über diese Zusammenhänge besser Bescheid weiss, als ein Schweizer Kind.

Achtung Satire: Für einen Italienisch-Sprachaufenthalt würde ich mein Kind nicht nach Ascona, sondern nach Florenz schicken. Begründung: In Ascona lernt es nur Hochdeutsch, in Florenz auch noch Englisch, Schwedisch, Japanisch und Chinesisch.

Früher hiess es: «Eine Italienerin als Freundin - jederzeit, nur heiraten darfst du sie nicht, sonst geht sie auseinander!» Diese Zeiten sind vorbei. Man sieht sehr häufig auch ältere, sehr gepflegte Damen, und leider auch immer mehr schwer übergewichtige Teenies.

Das Handy wurde erfunden, damit die Italiener auch beim Autofahren telefonieren können.

Dass wir nach gut 5000 Kilometern auf dem Velo nicht viel leichter sind als beim Start, darf als Kompliment an die italienische Küche verstanden werden.

Der gemeinsame Feind aller Italiener ist ihr Staat. Dieser Spruch gilt immer noch. Oder seit der Periode Berlusconi mehr denn je. „Die in Rom sind alles Verbrecher", diesen Spruch haben wir in allen Gegenden Italiens erschreckend oft gehört.

Weil der italienische Staat so schwach und ineffizient ist, organisiert man sich im Rahmen von Familie, Verwandtschaft und Nachbarschaft selbst. Oder ist es eher umgekehrt? Weil man vieles selbst organisiert, ist gar niemand richtig an einem starken, effizienten Staat interessiert?

Italien ist meistens dort am schönsten, wo es hügelig oder bergig ist, und wo (deshalb) die internationalen Touristen nicht sind.

Italien galt lange als rückständig in Sachen Internet. Das hat sich in wenigen Jahren enorm verbessert. Heute ist das WiFi-Angebot im italienischen Hotel bereits selbstverständlicher als in der Schweiz.

Bei den Italienern ist es nach wie vor eine verbreitete Unsitte, das Auto kurz auf der Fahrbahn stehen zu lassen, um einen Espresso trinken oder ein Brot kaufen zu gehen. Wir sind da wesentlich fortschrittlicher: Damit der Verkehr schön fliessen kann, betonieren wir die Städte mit Parkplätzen und Parkhäusern zu und wenn der Verkehr dann schön fliesst, bauen wir Verkehrsberuhigungsmassnahmen.

In rund 80% aller besuchten Hotels und Restaurants waren wir die einzigen ausländischen Gäste. Darüber waren wir sehr froh, aber auch ein bisschen stolz - Touristenfallen umgangen!

Italiener «besaufen» sich nicht. Die einzigen grölenden Nachtschwärmer überhaupt sind uns auf der Rückfahrt in Marina Massa begegnet - keine Italiener.