Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Kommentar

Im Schatten des Schutzschilds

Analyse zum belasteten Verhältnis zwischen Europa und den USA.
Stefan Brändle, Paris
Stefan Brändle

Stefan Brändle

Die französischen Diplomaten hingen an Donald Trumps Lippen, als er am Donnerstag auf dem Soldatenfriedhof Colleville-sur-Mer das Wort ergriff: Würde der US-Präsident das Band zwischen Amerikanern und Europäern beschwören, jene mächtige Allianz, die vor 75 Jahren den Erfolg der Operation Overlord über Nazi-Deutschland ermöglicht hatte?

Als Vorredner hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärt, Amerika sei «nie grösser, als wenn es für die Freiheit der anderen oder für die universellen Werte seiner Gründerväter kämpft». Ein Wink mit dem Zaunpfahl an den Unilateralisten Trump. Der feierte die US-Veteranen, die mittlerweile gut 95 Jahre alt sind, wie gehabt als Helden, als Stolz und Ruhm der Nation, um sich dann doch zu überwinden: «Unsere Verbindung ist unverwüstlich», deklamierte er. Die 10 000 Gäste atmeten auf: Für einmal war es bei einem Trump-Auftritt nicht zum Eklat gekommen. Vereint feierten die Westmächte die alliierte Landung des 6. Juni 1944 in Nordfrankreich. Da war es fast sekundär, dass das transatlantische Bekenntnis alles andere als flammend ausfiel. Trotzdem: ­ Die grundsätzlichen Differenzen häufen sich in Sachen Klima­vertrag von Paris und Atomabkommen mit Iran; auch den Brexit begrüsste Trump diese Woche so offen wie nie zuvor.

Sorgen bereitet das offenbar nur der einen Seite: Während sich Trump munter um Absprachen mit transatlantischen Partnern foutiert, wächst in den europäischen Hauptstädten die Angst vor dem Verlust der «unverwüstlichen» Allianz. Noch ist kein Feuer am Dach: Trump ist nicht der erste Nationalist oder gar Isolationist im Weissen Haus. Eine Ausnahme in der amerikanischen Geschichte bildete eher Franklin D. Roosevelt, der sein Land in den Zweiten Weltkrieg geführt hatte – wobei der äussere Anlass nicht Westeuropa war, sondern der japanische Angriff auf Pearl Harbor im Pazifik.

Es ist wohl unaufhaltbar, dass sich die Immigrationsnation USA dem alten Kontinent mit fortschreitender Zeit immer weniger verbunden fühlt. Schon Ex-US-Präsident Barack Obama hatte klargemacht, dass er zuerst nach Asien schaue, dann erst nach Europa. Die USA sehen in den Nato-Staaten nach wie vor Verbündete, aber auch zunehmend wirtschaftliche Rivalen. Das erklärt zum Teil auch Trumps Einsatz für den Brexit, also für die weitere Schwächung der EU.

Im Ernstfall, das wissen die Alliierten von einst, bleiben sie ideell Schulter an Schulter, gemeinsam auch gegen die wirklichen Störenfriede Russland und China. Zugleich aber müssen die Europäer ein raueres geopolitisches Klima gewärtigen, und das nicht zuletzt auf Trumps Druck hin. Gegen seine Politik des «America first» haben die Europäer nur eine Chance, wenn sie selber stark genug werden, um den amerikanischen Schutzschild gar nicht mehr zu benötigen. Das bedingt eine echte und tief greifende Reform der EU-Strukturen sowie die Schaffung einer europäischen Verteidigung, wie sie ­ dem Franzosen Macron vorschwebt – nicht im Rahmen der EU, sondern mit allen «Willigen», Grossbritannien inklusive.

So wenig die EU die Entwicklung passiv verfolgen kann, so wenig kommt die Schweiz um eine Klärung ihrer Rolle herum: Wo steht sie, wenn die Bande zwischen Europäern und den USA noch lockerer werden und der alte Kontinent stärker ­zusammenstehen muss? Ist das Neutralitätskonzept dann in seiner angestammten Form noch gültig?

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.