Kommentar

Im Irak verurteilter Arboner Dschihadist: Die Todesspur der Scharfmacher

Der Fall des Arboner Dschihadisten zeigt: Wenn aus Religion eine radikale Ideologie wird, gibt es nur Verlierer.

Jürg Ackermann
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Jürg Ackermann.

Jürg Ackermann.

Er war schon fast vergessen. Am Donnerstag jedoch ist der Arboner Dschihadist mit türkischen Wurzeln unverhofft wieder in den Schlagzeilen aufgetaucht. Weil der 24-jährige Ostschweizer anscheinend Schaltkreise für Sprengladungen für den Islamischen Staat baute, droht ihm nun die Todesstrafe durch den Strang. In einem Gefängnis in Bagdad wartet er auf seine Hinrichtung. Obeida, wie er mit Kampfnamen heisst, war nicht der einzige Ostschweizer, der in den Heiligen Krieg reiste. Drei weitere Personen werden verdächtigt, von Arbon aus nach Syrien und in den Irak gezogen zu sein. Aus der ganzen Schweiz dürften es über 100 gewesen sein.

Der Fall ruft in Erinnerung, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass der Islamische Staat in Teilen Iraks und Syriens Angst und Schrecken verbreitete und ein selbst ernanntes Kalifat errichtete, das auf Menschen wie den Arboner Dschihadisten eine für Aussenstehende nur schwer erklärbare Faszination ausübte. Und es auf viele Radikale noch immer tut.

Denn nur weil der Islamische Staat weitgehend zusammengebrochen ist, nur weil es glücklicherweise schon länger keine grösseren Anschläge in Europa mehr gegeben hat, heisst das nicht, dass die Gefahr, die von radikalen Islamisten ausgeht, gebannt ist. Es ist wohl auch dem harten und kompromisslosen Vorgehen von Polizei und Behörden gegen potenzielle Terroristen überall in Europa zu verdanken, dass es in letzter Zeit relativ ruhig blieb. Und zuweilen auch dem Glück.

Doch die Frage bleibt: Was verführt junge Leute dazu, ihr sicheres Leben in der Schweiz über Bord zu werfen und sich für ein gewaltsames und kriegerisches Unterfangen wie den Islamischen Staat einspannen zu lassen? Oft werden sie – jung und anfällig für radikales Gedankengut – von gefährlichen Predigern um die Finger gewickelt. Diese schüren den Hass auf unsere Gesellschaft und vermitteln ihnen das Gefühl, Auserwählte zu sein. Aus einem perspektivenlosen wird plötzlich ein sinnerfülltes Leben mit potenziell reicher Ernte. Denn im Dschihad gegen Andersgläubige winkt nicht nur grosse soziale Anerkennung in islamistischen Kreisen, sondern auch ein Ticket ins Paradies.

Nicht nur wegen dieser grossen Versprechen ist die Faszination für Religionen erklärbar. Sie liefern generell Antworten auf grundsätzliche Fragen, die die Wissenschaft nicht erklären kann. Sie stiften Gemeinschaft, Identität und in vielen Fällen auch Halt. Sie spenden Trost in schwierigen Lebenslagen und verleiten Menschen dazu, Gutes zu tun, an die zu denken, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Der Fall des Arboner Dschihadisten zeigt aber auch, in welche Sackgasse es führt, wenn aus Religion eine radikale Ideologie wird, wenn das eigene Denken verstümmelt und stattdessen Ressentiments und Verachtung gegen Andersgläubige oder Andersdenkende geschürt werden. Egal ob das bei ultraorthodoxen Juden, fundamentalistischen Christen oder radikalen Islamisten passiert. Dass wegen manchmal nur feinen Unterschieden in der Auslegung religiöser Schriften noch immer Tausende Opfer von Auseinandersetzungen in so mancher Weltgegend werden, mutet absurd an.

Ideologische Scharfmacher tragen auch wenig zur Lösung heutiger globaler Probleme bei. Im Gegenteil. Auf Herausforderungen wie die wieder aufkeimende atomare Bedrohung, den Klimawandel oder den technologischen Umbruch mit seinen wohl dramatischen Folgen für unsere Arbeitswelt braucht es differenzierte Antworten und mehr denn je Zusammenarbeit über Länder und Religionen hinweg. Geifernde Predigten von ideologischen Betonköpfen, deren Horizont bei der eigenen heiligen Schrift oder an der eigenen Landesgrenze aufhört, legen nur den Nährboden für Streit und Zwietracht.

INTERVIEW: «Arbon ist keine Dschihadisten-Hochburg»

Stadtpräsident Andreas Balg hält die Häufung von Dschihad-Reisenden aus seiner Stadt für Zufall. Die Zusammenarbeit mit den Ausländervereinen sei sehr gut. Bei grossen Veranstaltungen wird die Zufahrt für Lastwagen erschwert.
Ida Sandl