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Hitler und die Entgrenzung des Sagbaren

Der Hitler-Tweet des Thurgauer BDP-Politikers Thomas Keller sorgte für Aufsehen. Mit der Verharmlosung Adolf Hitlers und der Diskreditierung der Geschichtsschreibung ist der Tweet auf der traurigen Höhe unserer Zeit.
Urs Bader
Urs Bader

Urs Bader

Der Thurgauer Politiker Thomas Keller sieht in Adolf Hitler «nicht nur den menschenverachtenden bösartigen Tyrannen». Und er hat diese seine Erkenntnis der Öffentlichkeit mitgeteilt. Ja, Twitter ist heute Öffentlichkeit. Weiter schrieb er: «Ich glaube, die heutige Geschichtsschreibung ist ziemlich aus einer einseitigen Perspektive. So unendlich schlecht kann dieser Mann nicht gewesen sein.» Muss uns diese Kurzmitteilung interessieren? Ja. Aus verschiedenen Gründen.

Nicht deshalb, weil sich Keller mit dem Tweet vielleicht seinen Ruf ruiniert hat. Das muss er mit sich selbst ab­machen. Auch dass er damit in grosser schlechter Gesellschaft ist, kann uns eigentlich egal sein. Jeder darf sich in den sogenannten sozialen Medien selbst um Kopf und Kragen schreiben. Nur sich danach nicht beklagen, dass ihm dies auch gelungen ist. Nicht gleichgültig lassen kann uns der historische Revisionismus und die Unterstellung einer einseitigen Geschichtsschreibung. Mit jenem wird Hitler verharmlost, der schuldig ist – verantwortlich wäre das falsche Wort – am Massenmord an den europäischen Juden und an beispiellosen Kriegsverbrechen.

Verhöhnt werden mit derlei Einlassungen immer auch die Millionen von Opfern. Ob sich in dieser Verharmlosung, in dieser Häme mangelnde Geschichtskenntnisse oder eine fragwürdige Gesinnung offenbaren? Das ist zwar nicht einerlei, aber gleichermassen prekär. Die Diskreditierung der Geschichtsschreibung passt ins wohlfeile Argumentationsmodell, in dem als Fake News verunglimpft wird, was nicht ins eigene Konzept passt.

Mehr Volksverhetzung- statt aufklärung

Sowohl mit der Verharmlosung Hitlers als auch mit der Diskreditierung der Geschichtsschreibung ist der Tweet auf der traurigen Höhe unserer Zeit. Der Partei- und Fraktionsvorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD), Alexander Gauland, sagte kürzlich in einer Rede: «Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.»

Gauland äusserte sich danach erstaunt darüber, dass seine Äusserung als Bagatellisierung des Nationalsozialismus verstanden wurde. Er gab aber in einem Interview offen zu, dass sie in der AfD «in der Tat» versuchen würden, «die Grenzen des Sagbaren auszuweiten». Die AfD spielt sich damit als eine Art sprachliche Befreiungsbewegung auf, die endlich aufräume mit den Sprechverboten der politischen Korrektheit. «Man wird ja wohl noch sagen dürfen...» Dass sie damit mehr Volksverhetzung als -aufklärung betreibt, kümmert sie nicht. In diesem Kontext, in dem Grenzen des Sagbaren ignoriert werden und der uns so auch in der Schweiz nicht fremd ist, lässt sich wohl auch Kellers Tweet verorten.

Eine Begrenzung tut not

Öfter als die direkte ist allerdings die indirekte Verharmlosung Hitlers. Dann beispielsweise, wenn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem Hitler-Schnäuzchen dargestellt wird – eine Frau, die mit beiden Beinen im demokratisch verfassten Rechtsstaat steht. Oder gar auch, wenn die Hitler-Keule gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan erhoben wird. Das mag Wut und Frustration abführen und der Provokation dienen, politisch aber verdeckt es mehr, als es enthüllt. Seine Politik will nüchtern analysiert, sprachlich präzis benannt sein.

Mit der Forderung, endlich wieder alles sagen zu dürfen, werden längst offene Türen eingerannt. Nicht Entgrenzung des Sagbaren, sondern Begrenzung tut heute not. Das gilt für Rechts und für Links – dass dies auch gesagt sei.

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