USA
Hillary Clinton als US-Präsidentin? Der «Road Trip» genügt nicht

Hillary Clinton will Präsidentin der USA werden. Sie kennt den politischen Betrieb in Washington wie die Taschen ihres Hosenanzugs. Eine Analyse zu den Chancen von Hillary Clinton.

Renzo Ruf, Washington
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Hillary Clinton.

Hillary Clinton.

KEYSTONE

Man muss sich das einmal vorstellen: In einem Kleinbus fährt die wohl bekannteste Politikerin Amerikas seit Sonntagnachmittag von New York nach Iowa, um sich in diesem wichtigen Wahlkampfstaat im Mittleren Westen den Wählerinnen und Wählern im persönlichen Gespräch «neu vorzustellen».

Mit dieser Verbeugung vor der uramerikanischen Institution «Road Trip» – einer langen Fahrt auf der Autobahn, von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, unterbrochen bloss durch den Besuch eines Schnellimbissrestaurants oder einer Tankstelle – will die 67-jährige Hillary Clinton dem breiten Publikum signalisieren, dass sie immer noch mit beiden Füssen auf dem Boden steht.

Und ein Gehör hat für die Leiden und Freuden der viel beschworenen Mittelschicht, die das Fundament Amerikas bildet. So jedenfalls lautet die Botschaft, die Clinton und ihr Wahlkampfstab übers Wochenende verbreiteten, zu Beginn ihrer zweiten Bewerbung um das Weisse Haus.

Letztlich wird aber nicht ein Werbegag darüber entscheiden, ob Clinton im kommenden Jahr Geschichte schreibt. Und – nach einem Sieg bei den demokratischen Vorwahlen – als erste Politikerin an der Spitze einer der beiden Grossparteien in den Wahlkampf um das Präsidentenamt ziehen wird.

Entscheidend sind vielmehr zwei Fragen: Trauen die Amerikanerinnen und Amerikaner der langjährigen Politikerin zu, dass sie das nötige Rüstzeug für das Präsidentenamt mitbringt? Und zweitens: Gibt es unter den Wählern einen gewissen Clinton-Überdruss, nachdem zuerst Bill und dann Hillary seit den frühen 1990er-Jahren die politische Berichterstattung dominieren?

Ein Erfahrungsschatz, der seinesgleichen sucht

Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Denn Hillary Clinton steigt als Favoritin in die Präsidentenwahl, weil sie auf eine lange Karriere im Rampenlicht zurückblicken kann. Als First Lady im Bundesstaat Arkansas (Bill war dort Gouverneur von 1979 bis 1981 und von 1983 bis 1992), als First Lady der USA (Präsident Bill Clinton amtierte von 1993 bis 2001), als Senatorin aus dem Bundesstaat New York (2001 bis 2009) und schliesslich als Aussenministerin (2009 bis 2013) konnte sie einen Erfahrungsschatz sammeln, der seinesgleichen sucht.

Hillary Clinton kennt den politischen Betrieb in Washington wie die Taschen ihres Hosenanzugs: Sie weiss, wie Senat und Repräsentantenhaus ticken, und sie weiss, wie schwer es ein Präsident hat, politische Pläne zu verwirklichen. Fast ebenso wichtig ist, dass Clinton weltweit ein bekannter Name ist. In ihren vier Jahren im Aussenministerium besuchte sie 112 Länder – darunter viermal die Schweiz – und legte 1,5 Millionen Kilometer zurück.

Und ein Rattenschwanz von Affären, Skandälchen und Fehltritten

Wer sich derart lange in der Politik bewegt, der hat einen Leistungsausweis vorzuweisen, aber auch einen ganzen Rattenschwanz von Affären, Skandälchen und Fehltritten. Clinton ist da keine Ausnahme.

Ihre Vorgeschichte füllt buchstäblich ganze Bücher, die sich um dubiose Spekulationsgeschäfte in Arkansas («Whitewater»), ihre (angeblichen) sexuellen Vorlieben und ihre recht kümmerliche Bilanz an der Spitze des Aussenministeriums drehen. Hinzu kommt der aktuelle Aufschrei über das private E-Mail-Konto, über das Clinton ihre Korrespondenz als amerikanische Chefdiplomatin abwickelte. Und das Skandal-Geschrei um die ausländischen Gönner der Clinton-Stiftung, die zumindest den Eindruck erwecken, Clinton sei während ihrer Amtszeit an der Spitze des Aussenministeriums käuflich gewesen.

Das ergibt letztlich ein zwiespältiges Bild. Einerseits ist Clinton eine geradezu ideale Präsidentschaftskandidatin: gescheit, etabliert und gestählt. Andererseits ist sie eine derart bekannte Grösse, dass wohl jeder Amerikaner – das politische Personal in Washington inbegriffen – sich bereits eine Meinung über sie gebildet hat. Dies schränkt den politischen Spielraum der Kandidatin Clinton ein und würde sich auch negativ auf eine Präsidentin Clinton auswirken. Zur Illustration: In ihrem Video, mit dem sie ihre Kandidatur offiziell machte, schlug Clinton populistische Töne an und wetterte gegen «die da oben», die den «gewöhnlichen Amerikaner» auflaufen liessen. Damit wollte sie dem unruhigen linken Parteiflügel versichern, dass sie ein Gehör habe für die wirtschaftspolitischen Forderungen der Demokraten. Aus dem Mund einer Multimillionärin, die in den vergangenen Jahren pro Rede bis zu 200 000 Dollar verdiente, klingen solche Parolen aber bloss scheinheilig.

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