Dorers nächster Halt
Hahn im Korb für zwei Stunden

Christian Dorer
Christian Dorer
Drucken
Teilen
Viele Männer hatten am Samstag wichtigeres zu tun als Busfahren.(Symbolbild)

Viele Männer hatten am Samstag wichtigeres zu tun als Busfahren.(Symbolbild)

Am Samstag war nicht Vollmond, aber trotzdem ein verrückter Tag auf der Strasse. Das hatte mehrere Gründe: Zum einen bedeutet Sommerzeit auch Baustellenzeit – und das führt zu Umleitungen der Busse und zusätzlichen Rotlichtern. Zum anderen finden im Juni unglaublich viele Veranstaltungen statt, und die führen zu Mehrverkehr. Am Samstag feierten diverse Gemeinden ihre Jugendfester, etwa Möriken und Othmarsingen. Einige Kurse konnten sich durch die Umzüge schlängeln, andere wurden grossräumig umgeleitet, der Pikettdienst des RBL war vor Ort und lotste die Busse via Funk.

Damit jeder Chauffeur weiss, wo es gerade welche Einschränkungen, Umleitungen, Rotlichter und Jugendfester gibt, muss er sich vor Beginn jedes Arbeitstages ins «Infowunschnet» einloggen. Das hat weniger mit Wünschen als mit Befehlsempfang zu tun. Denn in diesem Programm, das von jedem Computer mit Internetanschluss aus zugänglich ist, erfährt der Chauffeur alle Besonderheiten des Tages.

So musste ich am Samstag den Kopf besonders gut beisammen haben, um mir alles merken zu können. Ich mag ausserordentliche Lagen und einen vollen Bus. Dann muss man hoch konzentriert arbeiten, die Stunden fliegen nur so dahin. Es ist ein wenig wie im Restaurant: Oft ist die Kellnerin nachlässig bei wenig Gästen, aber zackig bei vollem Haus.

Dazu kamen am Samstagmorgen ungeplante Schwierigkeiten: etwa der Grossansturm auf den «Tag der offenen Türe» des neuen Coop-Verteilzentrums Schafisheim. Da herrschte grosses Gewusel – und zu allem Elend hatte die Ampel bei der benachbarten Schoren-Kreuzung eine Störung, sodass nichts mehr ging wie im Feierabendverkehr einer Metropole. 10 Minuten Verspätung! Glücklicherweise hatte ich nette Fahrgäste an Bord: Statt zu schimpfen sprachen sie mir ihr Beileid aus. Danke fürs Mitgefühl!

177.80 Franken nahm ich allein an diesem Morgen durch Billettverkäufe ein – viel mehr als üblich. Und dann kam die Nachmittagsschicht, 14.30 Uhr bis 17.45 Uhr. Sie war das Gegenteil vom Morgen: leer gefegte Strassen, kaum Passagiere, Billetteinnahmen von gerade mal 21 Franken. Sie erraten es: Es war Fussball-EM, und die Schweiz spielte im Achtelfinal gegen Polen. So hatte ich nach dem Stress vom Morgen eine erholsame Fahrt am Nachmittag. Einzige vor dem McArthurs-Pub in Lenzburg traf ich auf einen Engpass, da sich eine Menschentraube bildete und auf die Leinwand starrte.

Ein Bild aber war besonders ungewohnt: Neun von zehn Fahrgästen, die sich trotz des Schweizer Fussballspiels des Jahres in den Bus verirrten, waren Frauen. Und so war ich dank unserer Nationalmannschaft zwei Stunden lang Hahn im Korb.

*Christian Dorer ist Chefredaktor der Aargauer Zeitung. Er hat den Car-Ausweis und fährt in seiner Freizeit einmal pro Monat beim Regionalbus Lenzburg.