Gastkommentar
Habe alles, möchte mehr!

Wer seine Kinder liebt, schenkt einen Spielzeugberg - könnte man meinen. Doch es drohen Negativeffekte: Das Lustzentrum wird lahmgelegt. Um Gegensteuer zu geben, muss man nicht zurück nach Bullerbü schreibt Margrit Stamm, Erziehungswissenschafterin.

Margrit Stamm
Margrit Stamm
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Auspacken im Akkord am Weihnachtsabend. (Symbolbild)

Auspacken im Akkord am Weihnachtsabend. (Symbolbild)

Keystone

Weihnachten ist vorbei. Schön sind die Erinnerungen an die leuchtenden Kinderaugen beim Anblick der Päckli unter dem Christbaum. Durchschnittlich 10,5 Geschenke bekommt ein Kind, zwei von den Eltern, vier von den beiden Grosseltern, je eines von Gotte und Götti, Tanten und Onkeln und vielleicht auch eines vom neuen Freund der Grossmutter. Schliesslich liebt man ja den Nachwuchs, deshalb kauft man ihm auch so viel Spielzeug. Unterschreiben würde das natürlich kaum jemand, und doch scheinen viele Familien danach zu handeln.

Etwas durchzogen sind die Erinnerungen daran, wie die Kinder am Weihnachtsabend im Akkord das Papier von den Geschenken rupften in der Erwartung, die richtige Barbiepuppe komme endlich zum Vorschein, der lang ersehnte Dartblaster oder die Markenturnschuhe von Nike.

Wunschzettel sind längst zu Bestellzetteln geworden. Doch mehr Spielzeug oder mehr Markenklamotten bedeuten noch lange nicht zufriedenere Söhne und Töchter. Viele von ihnen sind so übersättigt, dass sie sich nur noch kurz über Neues freuen können. Und wenn es nicht das Richtige ist, wird das Geschenk noch am Abend in eine Ecke gestellt.

Die Industrie gibt Millionen von Franken für Werbung aus

Dass sich junge Menschen zunehmend über das, was sie haben und bekommen, definieren, ist nicht verwunderlich. Die Industrie gibt jährlich Millionen von Franken für Werbung aus, die zielgerichtet Kinder und Jugendliche ansprechen soll. Das funktioniert prima.

Schon ab dem frühen Kindesalter lassen sich mit elektronischen Spielzeugen die Wünsche der Kinder und offenbar das Einverständnis der Eltern steuern. Dass sie gerade in dieser Hinsicht oft relativ grosszügig sind, geschieht nicht deshalb, weil sie aus Selbstlosigkeit dem Kind eine Freude machen wollen. Es ist auch ein Stück Taktik dabei.

Denn ein Kind, das sich mit dem Mini-Computer oder dem iPhone beschäftigt, ist oft über Stunden angenehm ruhig, kommt nicht ständig angelaufen, macht keinen Schmutz und keine Unordnung – kurz: Es stört nicht, strengt nicht an und zeigt sich im Restaurant meist wohlerzogen.

Geht es nach der neueren Hirnforschung, dann haben Spielzeugberge langfristig negative Nebenwirkungen. Ein zu viel an Geschenken und Reizen legt das Lustzentrum des Gehirns lahm, sodass sich Kinder kaum mehr für etwas richtig und auch längerfristig begeistern können. Mit anderen Worten: Wer zu viel hat, kommt emotional zu kurz.

Doch was tun? Natürlich wecken Überflusserfahrungen die Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Doch wir können nicht zurück zu den Kindern aus Bullerbü und ihnen an Weihnachten nur Lebkuchen oder gestrickte Socken schenken. Familien könnten sich jedoch vermehrt überlegen, was sie den Kindern geben können, das nicht mit Geld zu erwerben ist und wie sie mit den Spielzeugbergen sinnvoller umgehen könnten.

Man könnte den Kindern auch mehr Zeit schenken

Der erste Punkt ist relativ einfach zu beantworten. In der Kinderstudie World Vision haben zwei Drittel der Kinder auf die Frage, was sie fürs nächste Jahr wünschen, geantwortet: «Mehr Zeit in der Familie». Man könnte den Kindern also auch mehr Zeit schenken. Aber nicht solche der Dauerunterhaltung, sondern entschleunigende Alltagszeit.

Das kann beim Aufräumen, beim Wäscheaufhängen, beim Veloflicken und Autoputzen, beim Kochen, beim Laubwischen oder Tischdecken sein. In solch wenig spektakulärem, aber gemeinsamem Tun steckt zugleich viel Weltwissen, deshalb sind Alltagsgegenstände oft spannender als die überquellenden Spielzeugregale im Kinderzimmer.

Die Antwort auf die zweite Frage – wohin mit dem Heer an Spielzeug – könnte eine Art «Filiale im Keller» sein, wie dies kürzlich eine Mutter im «Beobachter» vorgeschlagen hat. Das Spielzeug wird thematisch sortiert und in Schachteln im Keller gestapelt. Wer von nun an mit etwas spielen will, darf eine Schachtel nach oben holen. Dafür wandert eine andere in den Keller. Diese Strategie lässt Kinder erfahren, dass man sich über Spielzeug wieder freuen kann, wenn man eine Zeit lang darauf verzichtet.

In 360 Tagen ist wieder Weihnachten, und erneut werden Kinder unter einem Berg an Überflüssigem zu verschwinden drohen. Warum also nicht schon heute den Vorsatz fassen, die eigene Schenkfreude – aber auch die der Grosseltern und anderen Verwandten – etwas einzudämmen oder anders zu definieren?

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