Per Autostopp um die Welt (90)
«Gewalttaten werden im ganzen Land und zu jeder Tageszeit verübt» – Willkommen in Guatemala

In seiner 90. Reisewoche trampte Thomas Schlittler durch das angeblich gefährliche Guatemala – von Flores nach San Lucas Toliman.

Thomas Schlittler
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So gefährlich erleben wir Guatemala: Kicken mit einem kleinen Jungen in der Kleinstadt Coban.
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Autostopp Woche 90 Hauptasset
Maya-Frauen auf dem Weg zum Markt in der Kleinstadt Coban.

So gefährlich erleben wir Guatemala: Kicken mit einem kleinen Jungen in der Kleinstadt Coban.

Thomas Schlittler

Vor drei Wochen sassen meine Freundin Lea, mein Kumpel Tschügge und ich in der mexikanischen Stadt Oaxaca in einem Café und planten topmotiviert die nächsten Reisewochen. Doch was wir auf der Website des Eidgenössischen Departements für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) über Guatemala lasen, dämpfte unsere Vorfreude:

«Guatemala hat eine sehr hohe Kriminalitätsrate: Taschendiebstähle, Entführungen zwecks Lösegelderpressung, Vergewaltigungen und andere Gewalttaten werden im ganzen Land und zu jeder Tageszeit verübt. Häufigkeit und Brutalität nehmen sogar noch zu. Meistens werden Schusswaffen eingesetzt. Auch Ausländer und ganze Reisegruppen bleiben nicht verschont.»
Als ob das nicht reichen würde, um in unseren Mägen ein mulmiges Gefühl auszulösen, widmet das EDA dem Grenzgebiet zwischen Mexiko und Guatemala – unserem unmittelbar bevorstehenden Reiseziel – einen zusätzlichen Abschnitt: «Das gesamte Grenzgebiet zu Mexiko wird als sehr gefährlich eingestuft, da sich dort der Drogen- und Menschenhandel konzentriert. (...) Von Reisen ins gesamte Grenzgebiet zu Mexiko wird abgeraten.»

Die Stimmung im Eimer

Nach dieser Lektüre war die Stimmung im Eimer. Lea und Tschügge unterstützen zwar meinen Traum, per Autostopp um die Welt zu reisen, Leib und Leben wollen sie dafür aber nicht riskieren – und ich auch nicht!
Den Kopf vorschnell in den Sand zu stecken, kam für uns aber trotzdem nicht in Frage. Denn erstens waren die Reisehinweise des EDA auch für andere Länder, die wir bereits bereist haben, wenig erbaulich – nicht zuletzt jene für Mexiko. Und zweitens fanden wir im Internet zahlreiche Berichte von Guatemala-Reisenden, die in dem 15-Millionen-Einwohner-Land eine wunderbare Zeit hatten. Einige davon waren gar ebenfalls per Anhalter unterwegs.

Thomas', Leas und Tschügges Mitfahrgelegenheiten in der Woche 90:

Von Flores nach Sayaxche – Mit einem Pick-up geht es ins Landesinnere von Guatemala
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Von Sayaxche nach Las Pozas– Danach müssen wir erneut auf der Ladefläche eines Pick-ups Platz nehmen.
Von Kaff im Nirgendwo nach Coban_Bei den Lieferwagenfahrern Cesar (l.) und Pablo schaffen wir es dann wieder einmal ins Wageninnere.
Ihr Laderaum ist so chaotisch, dass es keine Rolle spielt, ob man noch drei Autostöppler mit je einem Rucksack hineinstopft.
Von Coban nach San Cristobal Verapaz_Nach zwei Tagen verlassen wir Coban schweren Herzens wieder - auf dem Pick-up von Zakai
Von San Cristobal Verapaz nach Uspantan_Mit Geschenken geht es weiter_Mischa,unser nächster Fahrer, spendiert auf halbem Weg jedem von uns einen Loli.
Zeitweise teilen wir Mischas Pick-up mit Diego (m.). Er schuftet für 35 Quetzal pro Tag (CHF 5.-) auf einer Kaffeeplantage - und ist trotzdem eine Frohnatur
Von Uspantan nach Cunen_Wir stellen an diesem Reisetag einen neuen Pick-up-Rekord auf_Bei 7 von 9 Fahrern sitzen wir auf der Ladefläche
Von Las Pozas nach Kaff im Nirgendwo – Aller guten Dinge sind drei - erneut ein Pick-up. Bei drei Autostöpplern mit grossen Rucksäcken ist das keine Überraschung
Von Cunen nach Kreuzung im Nirgendwo_Danach geht es auf einem weiteren Pick-up weiter Richtung Westen.
Von Kreuzung im Nirgendwo nach Sacapulas_Aber es ist schon so_Auf die Dauer ist Trampen anstrengender, wenn man ständig dem Wind und der Sonne ausgesetzt ist.
Von Sacapulas nach Santa Cruz del Quiche_Wir wollen uns aber natürlich nicht beklagen. Wir sind für jede Mitfahrgelegenheit dankbar.
Von Santa Cruz del Quiche nach Los Encuentros_Selbst wenn wir uns wie bei Manuel zu dritt in die LKW-Fahrerkabine zwängen müssen.
An Tschügge gehen die Reisestrapazen an diesem Tag nicht spurlos vorbei. Er beweist, dass er einen gesunden Schlaf hat - selbst mit mir auf den Knien
Von Los Encuentros nach Solola_Weil wir unser Tagesziel noch nicht erreicht haben, fragen wir eine Frau an einer Tankstelle, ob sie uns auf ihren Pick-up lässt
Von Solola nach Panajachel_Unser Held zum Abschluss ist Victor. Er erhält fast eine Busse, als er an einer Kreuzung rechts ranfährt, um uns rauszulassen
Von Panajachel nach Santiago Atitlan (CHF 3.50 pro Person)_Um den höchsten davon, den Vulkan Atitlan, zu besteigen, reisen wir mit dem Schiff ...
Von Santiago Atitlan nach San Lucas Toliman_ ... sowie dem 9-fachen (!) Vater Alei und seiner jüngsten Tochter Jasmine nach San Lucas

Von Flores nach Sayaxche – Mit einem Pick-up geht es ins Landesinnere von Guatemala

Thomas Schlittler

Wir entschieden uns deshalb, in den Südosten Mexikos zu reisen und die Einheimischen vor Ort nach der Sicherheitslage zu fragen. Und da uns weder unsere Fahrer, noch Barbekanntschaften, noch die Rezeptionistin im Hotel von einer Grenzüberquerung abrieten, setzten wir unsere Reise wie geplant fort – zum Glück:
Die Grenzüberquerung verläuft problemlos. In Dörfern, in die sich kaum Touristen verirren, schenkt uns fast jeder ein Lächeln gepaart mit einem freundlichen «¡Hola!». Ein Fahrer lädt uns in sein Restaurant zu Kaffee und Kuchen ein, der nächste kauft jedem von uns einen Loli und als wir am Strassenrand sitzen, übergibt uns eine Maya-Familie einen selbstgemachten Bohnenkuchen. Beim Heimspiel des FC Coban Imperial ist die Stimmung zudem so gemütlich wie bei einem Match des FC Aaraus oder des FC Winterthurs – inklusive Wurst und Bier.

«Schlechte Menschen»

Einzig in der Kolonialstadt Flores sowie in Panajachel am Atitlan-See erleben wir Enttäuschungen: Es hat so viele ausländische Touristen, dass die Orte mit dem Rest Guatemalas nicht mehr viel zu tun haben. Solche Touristenmassen haben wir angesichts der EDA-Hinweise nicht erwartet. Unsicher fühlen wir uns an diesen touristischen Hotspots aber erst recht nicht.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich will damit nicht sagen, dass die Warnhinweise des EDA ungerechtfertigt sind und wir es besser wissen. Die Behörden haben mit Sicherheit ihre Gründe für die mahnenden Worte. Selbst einige Guatemalteken warnen uns vor den "gente mala" ("schlechten Menschen") in ihrem Land. All das sollte aber niemanden davon abhalten, sich selbst ein Bild zu machen. Denn solche Warnungen bedeuten nicht, dass eine (Autostopp-)Reise durch Guatemala – oder andere Länder Lateinamerikas – per se eine schlechte Idee ist.

Guatemala – die Eindrücke von Woche 90:

Unsere Woche beginnt in der Kolonialstadt Flores, die auf der Insel San Andres auf dem Peten-Itza-See liegt.
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Flores ist wunderschön - und zieht deshalb die Touristenmassen an. Mit dem Rest Guatemalas hat die Stadt nicht mehr viel gemeinsam.
Von Flores aus machen wir einen Tagesausflug nach Tikal, einer antiken Maya-Stadt mitten im Regenwald
Tikal war eine der bedeutendsten Städte der klassischen Maya-Periode, bis die Stadt im 9.-10. Jahrhundert n. Ch. plötzlich von der Bildfläche verschwand.
Die genauen Ursachen für den Kollaps der gesamten Maya-Zivilisation zu diesem Zeitpunkt ist bis heute nicht genau geklärt.
In Kleinstädten wie Sayaxche bekommen wir einen ersten Eindruck, wie es in dem armen Land ausserhalb der touristischen Hotspots aussieht.
Bei einem Spaziergang durch die Stadt entdecken wir Amateurfussballer, die leidenschaftlich ihrem Hobby nachgehen.
Obwohl engagiert zur Sache gegangen wird, kommen die beiden Mannschaften ohne Schiedsrichter aus. Da könnten viele Schweizer Hobbyfussballer noch was lernen.
So gefährlich erleben wir Guatemala: Kicken mit einem kleinen Jungen in der Kleinstadt Coban.
Danach geht es ins Estadio Verapaz, wo der guatemaltekische Erstligist Coban Imperial seine Heimspiele austrägt.
Und zur Freude der Zuschauer erzielt Coban kurz vor Schluss auch noch das entscheidende 1 zu 0.
Im Stadion soll es Platz haben für 15'000 Zuschauer. Wie man das bei diesen Sitzplätzen aber genau berechnen will, bleibt uns ein Rätsel.
Auch wenn das Spiel nur 2000-3000 Zuschauer anzieht, gefällt uns die Stimmung hervorragend.
Ohnehin sitzt jeder, wo es ihm gerade passt.
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Zakai (hinten in der Mitte) besitzt in San Cristobal Verapaz ein Café, in das er uns nach der Fahrt zu Kaffee und Kuchen einlädt
Wir fahren quer durch das Departamento Quiché, in dem die Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig ist. Oft wird sie in Subsistenzwirtschaft betrieben.
Bei einem Zwischenhalt im kleinen Kaff Cunen geniessen wir nicht nur ein hervorragendes Mittagessen, sondern entdecken auch noch diesen farbigen Maya-Friedhof
Auf den Pick-ups ist es teilweise zwar sehr warm - und dann wieder windig-kalt. Dafür sieht man mehr von der Landschaft
Und das ist der Preis für all die Mühen_Der Lago de Atitlan, der von drei Vulkanen umgeben ist
San Lucas wurde im Gegensatz zu Panajachel noch nicht von Touristen in Besitz genommen. Von hier aus wollen wir den 3537m hohen Vulkan Atitlan erklimmen
Maya-Frauen auf dem Weg zum Markt in der Kleinstadt Coban.

Unsere Woche beginnt in der Kolonialstadt Flores, die auf der Insel San Andres auf dem Peten-Itza-See liegt.

Thomas Schlittler

Auch in Ländern mit einer hohen Kriminalitätsrate sind die allermeisten Menschen rechtschaffen, freundlich und oft extrem herzlich. Sie streben einfach nur danach, mit Freunden und Familie eine gute Zeit zu haben. Diese Menschen werden in den EDA-Reisehinweisen leider nicht erwähnt. Doch um sie kennenzulernen, lohnt es sich, auch Gebiete zu bereisen, die keinen perfekten Leumund haben.
Zu diesen Worten stehe ich auch, falls wir morgen ausgeraubt werden sollten.

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