Allmächtig
Geld regiert und Geld ist billig

Weltgeschichte geht ja so, dass man sich genau an die Umstände erinnert, als sie passierte. Stimmt das?

Christoph Bopp
Christoph Bopp
Merken
Drucken
Teilen
Noch nicht das Ende der Geschichte.

Noch nicht das Ende der Geschichte.

An diesem letzten Donnerstag hockten wir in einem Sitzungszimmer. Natürlich vibrierten in allen Hosensäcken die Smartphones. (In meinem nicht. Ich hab noch ein vorsintflutliches Handy.) Und was war die Pushmeldung? «Die Börse taucht.» Kein Wort von Frankenaufwertung oder Euro-Parität.

Was bedeutet das? Mir kam die Geschichte von Hiob in den Sinn aus dem Alten Testament. Der wird von Gott und Satan getestet, was er an Frustrationstoleranz so aufbringen kann. Auf einmal gaben sich bei diesem recht wohlhabenden Hiob die Unglücksboten die Klinke in die Hand: Kamele vom Blitz erschlagen, Vieh von den Chaldäern geraubt, Knechte von der Schärfe des Schwerts getroffen usw. Der ganze Besitz ist weg wie ein Investment an der Börse.

Dann natürlich die Frage: Warum crasht die Börse? Aha, der Franken wird losgebunden. Jetzt erst sind wir in der realen Welt. Das ist Politik. Zentralbank- oder Wirtschaftspolitik. Zuerst denken wir an all die Sachen, die uns gehören oder zustehen, Renten und Pensionen inklusive. Dann realisieren wir, was mit uns passiert ist. Die Klagen, dass da ein Dreiergremium im stillen Kämmerlein einfach so Milliarden vernichtet habe, sie kommen erst später.

Geld regiert die Welt, sagt man. Na klar, was denn sonst?

Nun, über weite Strecken der Menschengeschichte war das die Macht. Natürlich war es leichter mit etwas Geld im Sack. Aber die Mächtigen waren die meiste Zeit sowieso bankrott.

Wie regierte das Geld? Eher im Hintergrund. Aufschlussreich ist die Frage: Was kann man kaufen? Nicht (mehr) alles. Seit der Reformation kann man das Seelenheil nicht mehr kaufen, seit ihrer Erfindung kann man die Liebe nicht kaufen, Weisheit, gar Glück – es gibt immer ein paar Dinge, die es nicht für Geld gibt. Aber sonst (fast) alles. Das heisst nicht, dass die Rolle, die das Geld in unserer Gesellschaft spielt, kleiner geworden wäre. Geld dient nicht nur als Rechenmassstab, mit dem verglichen wird, wer was gilt (früher waren das Herkunft und Stand), sondern die Unterscheidung, ob jemand zahlen kann oder eben nicht, ist die grundlegendste, die heute gilt.

Erst der Kapitalist, dann der Staat und jetzt die Finanzmärkte

Kapitalismus = Geldsystem schlechthin. Und doch kann man hier ein bisschen differenzieren. Es begann mit Laisser-faire, im 19. Jahrhundert regierte der Unternehmer. Eine Wirtschaftspolitik, die diesen Namen verdient hätte, gab es lange nicht. Arbeitslosigkeit war kein politisch relevantes Thema. Die Theorie sagte: Ein Überangebot an Arbeit (Arbeitslosigkeit) bedeutet, dass Arbeit zu teuer ist. Wenn der Preis der Arbeit (der Lohn) sinkt, wird es wieder Arbeit geben. Erst Roosevelts New Deal intervenierte in grossem Stil in die Wirtschaft. Keynes und seine Schule gaben dem Staat die Verantwortung. Dass gleichzeitig überall die (richtige) Demokratie installiert wurde, ist kein Zufall.

Erst nach der Goldenen Nachkriegszeit übernahm das Geld richtig die Macht. Es wurde klar, dass Wirtschaftspolitik Standortpolitik ist, dass die Politik schauen muss, dass «bei uns» investiert wird. Seit 1990 dominiert die Rede vom «Anleger», jenem rätselhaften Wesen, das unser Schicksal in der Hand hat. Selbst mächtigste Manager tanzen nach seiner Pfeife. Die Asienkrise in den 1990er-Jahren demonstrierte es gnadenlos. Seither wiederholen sich die Muster. Das Geld ist flüssiger geworden, als es zuvor war. Und deshalb mächtiger. Und die Politik ohnmächtiger. Denn das Geld schwappt umher wie eine chaotische Welle. Jetzt braust es an unsere Schweizer Küste und wir (oder der Herr Professor Jordan) müssen einsehen, dass es keinen Sinn hat, uns zu wehren. Die Finanzmärkte, eine Naturgewalt.

Aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Die Nullzinspolitik unserer Zentralbanken signalisiert uns deutlich, dass das Geld – vielleicht nicht gerade nichts – sicher weniger «wert» ist als früher. Der Sinn davon ist ja, das Geld «billiger» zu machen, damit Kredite vergeben werden und die Wirtschaft wieder läuft. Ein Widerspruch? Oder die Konsequenz von 250 Jahren Geschichte? Wir hockten in einem Sitzungszimmer und unsere Hosensäcke vibrierten.