Gastautor
Mit zweimal piksen die österliche Botschaft umsetzen

Markus Allemann
Markus Allemann
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Wer bekommt den nächsten Piks?

Wer bekommt den nächsten Piks?

Bruno Kissling

Jetzt wäre einmal piksen angesagt. Mein Sohn Tim wohnt in Zürich, ist 37 Jahre jünger als ich und hat bereits den ersten Termin erhalten. Ich habe mich vor ein paar Wochen angemeldet und noch nichts gehört. Warum wohl? Tim meint, ich gelte halt offenbar als gesünder. Die Schwiegermutter (bereits geimpft!) sagt, es liege am Ort: Solothurn! Und ich schreibe es dem volkswirtschaftlichen Potenzial zu, das in meinem Fall eindeutig geringer zu bewerten ist als beim Junior.

Die Frage bleibt unbeantwortet–wie so viele Fragen. Je länger Covid anhält und die Wirtschaft eingeschränkt ist, fragt sich: Wie viel Wert hat ein Menschenleben? Mit der Impfstrategie kam eine Antwort: viel! Denn die Gebrechlichsten kommen zuerst. Doch diese Antwort wird angefochten.

Einige möchten sofort alles öffnen, um die Bewegungsfreiheit möglichst schnell zurückzugewinnen. «Survival of the fittest»: Unter dieser Voraussetzung misst sich der Wert eines Menschenlebens an seiner Überlebensfähigkeit. Brasilien testet das aus, mit inzwischen 3000 Toten pro Tag! Wie viel staatliche Vor- und Fürsorge verhältnismässig ist, wird nicht überall gleich bewertet.

Swissaid arbeitet in Ländern, in denen die Verantwortlichen oftmals wenig für ihr Volk schauen. Vor einem Jahr sprangen wir in neun Ländern in die Bresche und versorgten mit unseren Partnern vor Ort die entlegensten Gebiete mit Wasser, Hygienemitteln und Information, damit sich die Bevölkerung vor dem Virus schützen konnte.

Währenddessen hamsterten hierzulande einige WC-Papier. Und nennen die Schweiz eine Diktatur. Wo in Diktaturen kein regierungskritisches Wort erlaubt ist, kann man sich dafür auf Überwachung, Folter und Schüsse einstellen. Wir Menschen tragen ein schweres Kreuz. Die Osterbotschaft von der Auferstehung Jesu legt sich dagegen wie ein Tuch der Hoffnung über die graue Oberfläche der Welt.

Wer Hoffnung spürt, lebt den Protest. Die Demonstrierenden in Burma verbindet der Glaube an die Demokratie, nur so können sie durchhalten. Die Klimajugend in der Schweiz verbindet der Glaube an eine fossilfreie Schweiz, das gibt ihnen Energie. Swissaid glaubt an eine agroökologische Welt ohne Hunger. Für Mensch und Umwelt engagieren wir uns mit Leib und Seele. Die Unterstützer der Pestizidinitiative glauben an die Umkehrung des dramatischen Artensterbens, eine Notwendigkeit auch für das Überleben der Spezies Mensch. Ich glaube an die existenzrettende Bewusstwerdung, welche die scheinbare Trennung von Mensch und Umwelt auflöst – und damit die schleichende Selbsttötung stoppt; die ständige Überforderung der planetaren Grenzen muss ein Ende haben.

Der Piks in den Oberarm kann symbolisch als Impfung in den Muskel der Auferstehung gesehen werden. Mit der Impfung gegen Covid bäumen wir uns gegen die Verunsicherung der letzten zwölf Monate auf. Sie ermöglicht, dass Ansteckungsketten unterbrochen werden und Versorgungsketten wieder rund laufen. Das Leben am Aaremürli darf wieder sein und der Begrüssungskuss am Markt ist wieder normal. Wir können wie damals in den engen Sitzreihen des Stadttheaters schwitzen und in den Rhythmen der Guggenmusiken mitwippen. Einmal piksen, zweimal piksen – wer die österliche Botschaft des Jahres 2021 umsetzt, flösst der Hoffnung auf eine Beruhigung, auf eine Normalisierung Leben ein.

Eine Impfung gegen das globale menschliche Elend, das bedrohliche Artensterben und den schnell voranschreitenden Klimawandel ist leider nicht in Sicht. Hoffnung als Ausdruck des Protests gegen die Gleichgültigkeit ist immerhin ein Anfang.