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Gastkommentar

Für einen Individualismus der Vielfalt

Der Philosoph Martin Mosimann findet, man müsse nicht «besonderer» sein als andere, um individuell zu erscheinen. Man müsse nicht andere ausstechen, sondern der Individualität der anderen mit Achtung und Respekt entgegen treten. Ein Gastkommentar.
Martin Mosimann
Roger Federer spielt sicher besser Tennis als andere. Aber er ist nicht deswegen "individueller". Er ist ein Individuum wie wir alle. (Bild: Martin Lane/Keystone)

Roger Federer spielt sicher besser Tennis als andere. Aber er ist nicht deswegen "individueller". Er ist ein Individuum wie wir alle. (Bild: Martin Lane/Keystone)

Martin Mosimann war Lehrer für Deutsch und Philosophie an der Kantonsschule Baden. Er ist Autor des Buches: Ich und der Andere (erschienen im Schwabe-Verlag).

Martin Mosimann war Lehrer für Deutsch und Philosophie an der Kantonsschule Baden. Er ist Autor des Buches: Ich und der Andere (erschienen im Schwabe-Verlag).

Bekanntlich wollen alle Menschen individuell sein oder jedenfalls so erscheinen. Wenn Sie nun aber auf einer Party erzählen, Sie seien in Hauho in den Ferien gewesen – das ist gewiss etwas ganz Individuelles, Ihr Gegenüber weiss vielleicht gar nicht, wo Hauho liegt –, werden Sie vielleicht erleben, dass sich Ihr Gesprächspartner schnell jemandem zuwendet, der etwas wirklich Bemerkenswertes zu erzählen hat: zum Beispiel, dass er diesen Sommer sein neues 11-Zimmer-Haus in Florida bezogen hat.

Es genügt also offensichtlich nicht, dass ein persönlicher Zug, eine Vorliebe oder ein Ziel individuell sind – diese müssen auch so geartet sein, dass man sie wahrnehmen kann. Mit anderen Worten: Ihre Individualität darf ja nicht so individuell sein, dass man sie nicht einordnen kann – sie muss umgekehrt paradoxerweise genügend kollektiv sein, damit sie überhaupt als etwas Besonderes erkannt werden kann.

Alles Individuelle ist definitionsgemäss etwas Besonderes (eine banale Wahrheit).

«Besonders» in einem formalen Sinn wäre ja eigentlich jeder Mensch, wenn er sich selbst nur ein wenig ernst nähme. So wird das Wort im Rahmen der Alltagsvorstellung von Individualität aber nicht aufgefasst. «Besonders» zu sein scheint man, wenn man irgendwie über andere herausragt. Das ist aber natürlich etwas ganz anderes.

Viele Menschen versuchen, wenn sie individuell erscheinen wollen, «besonderer» zu sein als andere Menschen (in Bezug auf etwas, was alle kennen). Ich scheine ein «besonderer» Mensch zu sein, wenn ich schöner bin als er, erfolgreicher, tatkräftiger, was immer. Das ist aber natürlich unsinnig: Ich bin individuell allein schon insofern, als ich die und die Eigenschaft habe, die andere nicht haben.

Natürlich mögen manche Menschen noch zusätzlich irgendwie besonders begabt sein. Aber Roger Federer (sehr wahrscheinlich spielt er besser Tennis als Sie) ist nicht aus diesem Grund individueller als Sie. Er spielt einfach besser Tennis, aber sonst ist auch er (nur) ein Individuum, wie Sie ein Individuum sind.

Und dazu tritt dann schliesslich etwas Drittes: Geliebt werden Sie von den Menschen, die Sie lieben, ja nicht, weil Sie irgendwie in einer kollektiven Hinsicht besser sind als jemand anders, sondern weil Sie der oder die sind, der oder die Sie sind, und die, die Sie lieben, genau so einen Menschen lieben. Wer jemanden nur lieben kann, wenn dieser besonders schön oder erfolgreich ist oder gut Tennis spielen kann, ist er in Wirklichkeit unfähig dazu zu lieben, also selbst, aus sich heraus, etwas wertzuschätzen.

So erkennt man schnell, dass etwas mit dem modernen Individualismus nicht stimmt.

Wenn man Individualismus wirklich ernst nähme, würde man nicht versuchen, andere auszustechen, sondern allen Ausprägungen von Individualität Achtung entgegenbringen: So wie man selbst wahrgenommen und geschätzt zu werden wünscht, würde man auch andere Individualitäten wahrnehmen und schätzen.

Man würde sich also nicht nur für sich selbst interessieren, sondern stattdessen ganz grundsätzlich an der Vielfalt der Individuen Gefallen finden – oder dann gar in anderen Individuen das suchen und vielleicht finden, was in der eigenen Individualität nicht Platz hat. Und man würde tolerant sein, statt dass man via Mobbing oder Verachtung oder Nichtbeachtung andere Individuen ausgrenzte. Und man würde wirklich lieben können.

Am Ende würde man dann umgekehrt auch den Mut haben, seine eigene Individualität (auch wenn man mit ihr auf einer Party keinen Erfolg hätte) zu entwickeln, statt krampfhaft herauszufinden suchen, womit man Beachtung findet, oder Züge, mit denen man keinen Erfolg hat, in sich auszumerzen.

Man würde zu seiner Individualität stehen; nicht gegen andere, sondern für sich und für das, was in einem Gestalt annimmt. Und so würde man, ohne zu zögern, Zink spielen oder das lieben, was man selbst liebt (nicht, was man lieben muss) oder nach Hauho in die Ferien gehen. Freilich würde man auch daran interessiert sein, worin Andere ihre Vorlieben haben, statt sie mit der Behauptung in die Flucht zu schlagen, nur das, was einem selbst bedeutungsvoll erscheint, sei wirklich bedeutungsvoll.

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