Kommentar

Aus dem Leben einer Frau – ein persönlicher Kommentar zum Frauenstreik

Gleichberechtigung ist in den Köpfen angekommen, im Bauch aber noch lange nicht, schreibt Literaturredaktorin Anne-Sophie Scholl in ihrem persönlichen Kommentar zum Frauenstreik.

Anne-Sophie Scholl
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Vor einem Monat wurden die Ergebnisse einer Studie bekannt, die Amnesty International in Auftrag gegeben hatte: Jede fünfte Frau hat schon «sexuelle Handlungen gegen den eigenen Willen» erlebt, jede zehnte Frau «Geschlechtsverkehr ohne Einverständnis». Es sind erschreckende Zahlen. Gut, liegen sie endlich vor. Überraschend sind sie jedoch nicht wirklich. Und: Sie sagen noch nichts über Alltäglichkeit, Tiefe und Kontinuität. Darum geht es hier. Ich gebe der Langzeitperspektive ein Gesicht. Frauen brauchen nicht weiterzulesen. Sie kennen das, die allermeisten.

Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, erinnere ich mich: Als Jugendliche verliebte ich mich in Che Guevara und seinen Traum vom neuen Menschen. Auf seinen Spuren ging ich nach Kuba und lebte ein Jahr in Havanna. Dort gibt es die berühmte Promenade am Meer, den Malecón. Und dort gibt es auch diesen seltsamen Sport: Gewisse Männer fahren auf ihren Velos die Promenade entlang und grapschen den Frauen an Po und Brüste. Mich begrapschten sie auch. Am Malecón stehen ausserdem die Gelegenheitsprostituierten, die sich für eine Jeans oder für ein Stück Seife anbieten. Oder: Als ich um die Zwanzig war, lief ich wiederholt Exhibitionisten in die Arme, gegen ein dutzend Mal. Einer packte mich, versuchte, mich runterzudrücken und wollte mich zwingen, sein Problem anzuschauen. Ich weiss, es ist eine Krankheit, aber sie scheint auf dem Y-Chromosom verortet. Oder: Als Jugendliche lernte ich in der Disco die ekelige fremde Zunge im Mund kennen, im Bus die Männerpranke auf dem Schenkel, ebenso den Stalker auf dem Handy und in der Wohnung. Und die Polizei, die mit den Schultern zuckt, einmal ums Haus fährt und wieder abrauscht — eine Bestätigung, bloss nicht für mich.

Und schliesslich: Während meines Studiums hatte ich meinen #MeToo-Moment in der engen Auslegung des Hashtags. Ich arbeitete für das Bildarchiv eines nationalen Museums. Einmal musste ich mit dem wissenschaftlichen Leiter ins Archiv im Keller. Da drängte er sich von hinten an mich heran, ich fand mich auf seinem Schoss wieder. Es war keine bedrohliche Situation. Es war schlicht lächerlich und peinlich. Schlimmeres ist einer Journalistenfreundin passiert. In ihrer Ausbildungszeit reiste sie voller Vorfreude auf die Arbeit an einem mehrtägigen Projekt mit ihrem Chef in eine andere Stadt. In der Nacht stand der Typ plötzlich in ihrem Zimmer. Sie wies ihn zurück. Danach kamen Vergeltungsmassnahmen: Bei der nächsten Sparrunde der Redaktion fand er, man könne sich ihre Ausbildungskosten schenken. Und in ihr Abschlusszeugnis knallte er einen Satz, mit dem das Zeugnis unbrauchbar wurde. Er schrieb, sie habe ein Problem mit Autoritäten.

«Es ist nicht an mir, mich zu schämen. Ich halte der Gesellschaft den Spiegel vor. Ich bin es, die schreibt.»

Nein, wenn ich diese Dinge erzähle, nehme ich keine Opferrolle ein. Wer Solches behauptet, betreibt Disziplinierung, die nur der patriarchalen Kultur in die Hand spielt. Es ist nicht an mir, mich zu schämen. Ich halte der Gesellschaft den Spiegel vor. Ich erhebe meine Stimme. Ich bin es, die schreibt. Es geht mir dabei nicht darum, meine persönliche Geschichte auszubreiten. Jede Frau kennt solche oder so ähnliche Vorfälle, ebenso wie die zugehörigen Bemerkungen im Einzelfall: «Sei doch nicht so empfindlich!», «Nimm das doch mit etwas Humor!», «Musst du immer alles so ernst sehen!». Mir geht es darum, wie solche Übergriffe zu der ganz normalen weiblichen Biografie gehören, mehr noch, wie sie konstituierender Teil der weiblichen biografischen Erfahrung sind, in der Freizeit, im Beruf, im Privatleben. Wie sie Frauen zu Frauen machen sollen, so wie sie gerne gesehen werden. Und darum, wie sie mit der Zeit eine andere Färbung annehmen. #MeToo muss man in einem breiteren Kontext sehen.

Als ich älter wurde, ging der sexuelle Aspekt der Übergriffe zurück, die Abwertungen blieben, mit dem Eintritt in die Berufswelt traten sie sogar stärker hervor. Die Abschlussprüfungen meines Studiums legte ich zur selben Zeit ab wie mein damaliger Freund. Am Abend vor seinen Prüfungen war er sehr nervös, ich kümmerte mich um ihn und versuchte ihn zu unterstützen. Am Abend vor meinen Prüfungen war ich ebenfalls sehr nervös. Aber mein Freund herrschte mich an, meine Unterlagen endlich wegzulegen und einen schönen Abend mit ihm zu verbringen. Mein Prüfungsresultat war besser als seines, er blieb meiner Abschlussfeier fern. Er war nicht der richtige Mann, darauf kam ich dann auch. Mit einem anderen Freund besuchte ich einmal eine Ausstellung. Es ging um Lebensentscheidungen. Bei einer spielerischen interaktiven Station kam heraus, dass für mich berufliche Erfüllung wichtig ist. «Klar, du bist karrieregeil», so der Kommentar meines Begleiters. Ehrgeiz war für ihn reserviert.

Bei meiner ersten richtigen Anstellung schliesslich hatte ich eine Netzwerkfunktion. Ich setzte mich ein und bekam rundum sehr gute Rückmeldungen. Doch aus Sicht meines Chefs war ich wohl auf der Überholspur. Er war Choleriker und feuerte mich in einem Wutanfall. Dazu wäre er nicht berechtigt gewesen, das Haus war basisdemokratisch organisiert, so jedenfalls die Sprachregelung, ausserdem war er bloss Co-Chef. Auf dem Arbeitsgericht sprach man mir gute Chancen auf missbräuchliche Kündigung zu, empfahl mir jedoch, abzuwägen zwischen möglichen sechs Monaten Lohnfortzahlung und wahrscheinlichem Imageschaden — meinem Imageschaden, wohlverstanden, und zwar unabhängig vom Ergebnis einer Klage. Und — doch, auch das muss ich hier noch einmal erzählen. Ich bewarb mich bei einem nationalen Bergsportverband. Beim Einstellungsgespräch erzählte der Geschäftsführer, er habe die Auflage, sich um «Gender»-Belange zu kümmern — er spuckte das Wort aus, als hätte er in einen faulen Apfel gebissen, nein, nicht Evas süssen Paradiesapfel, sondern einen mit Wurm drin. Dann fragte er mich, ob ich mir vorstellen könne, mit ihm ein Büro zu teilen. Das war keine Frage, sondern es hiess: Du, genau du hast in meinem Büro nichts verloren. Anderntags rief er mich an und erklärte mir, ich passe nicht in seinen Verband.

Die Liste liesse sich fast beliebig fortsetzen. Diese Flecken auf meiner Lebensgeschichte sind kein Sonderfall, sie gehören zur ganz normalen weiblichen biografischen Erfahrung — in dieser Welt. Die Tatsache, dass ich eine Frau bin, bekomme ich nahezu jeden Tag zu spüren, sie hat mein ganzes Leben geformt. Manchmal hat das durchaus Vorteile, so bin ich auch schon an Information herangekommen, weil man mich für nicht so gefährlich hält. Meistens sind es jedoch Zeichen, die meinen Handlungs- und Bewegungsspielraum und meine Entfaltungsmöglichkeiten einschränken oder mich dazu zwingen, einen grossen Energieaufwand zu betreiben, um mich darüber hinwegzusetzen.

Doch anders als früher stellt sich heute kaum noch ein Mann hin und spricht Frauen die Gleichberechtigung ab. Das Thema ist im Kopf angekommen, im Bauch aber noch lange nicht. Weniger als Rassismus. Das zeigt sich etwa in der Literatur. Bücher über die Geschichte der Schwarzen in den USA gehören weitgehend zum grossen literarischen Bankett und werden von allen Menschen gelesen. Literatur von Frauen, die von weiblicher Erfahrung erzählt, ordnet man immer noch dem Katzentisch zu, neuerdings nennt sich das «feministische Literatur». Und es zeigt sich in der Gesetzgebung: Rassistischen Energien werden heute über das Antidiskriminierungsgesetz rechtliche Schranken gesetzt, Beleidigung aus rassistischen Motiven wird ebenso geahndet wie Mord aus rassistischen Motiven. Bei Sexismus ist das nicht so, es gibt keinen spezifischen Paragrafen gegen Alltagssexismus, die Einrichtung einer Anti-Sexismus-Kommission wurde abgelehnt. Und Gleichberechtigung wird noch immer verbreitet als Frauenthema angesehen. Das ist falsch: Feminismus ist Humanismus.