Festspielsommer
Meine 24 Konzerte in den letzten 5 Wochen

Seit Ende Mai spielt die Musik wieder wie eh und je – wie zu den besten Vor-Coronazeiten. Und das ist gut so.

Christian Berzins
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In der Arena di Verona wird grosse Kunst für die Masse geboten. Das geht.

In der Arena di Verona wird grosse Kunst für die Masse geboten. Das geht.

Luca Bruno / AP

«Die Agenda ist voll», sagte mir Musikmanager Christoph Müller vor wenigen Wochen, als ich ihn darauf ansprach, wie es in der neuen Saison ab September im Klassikzirkus weitergeht. Nicht erst ab Herbst spielt die Musik. Schon die letzten vier Wochen hätten wir alle wieder so oft ins Konzert oder in die Oper gehen können wie einst 2019.

Die sogenannte «Öffnung» war in der Schweiz noch nicht erfolgt, da reiste ich am Mittwoch, 26. Mai 2021, mit dem Sinfonieorchester Basel nach Salzburg, hörte zwei Konzerte, sah, wie das Orchester sich in einem weltberühmten Saal von der besten Seite zeigte und wie es nach einer langen Nacht müde, aber sozial frisch zusammengeschweisst nach Hause fuhr. Ich hingegen kam ausgeschlafen heim, wechselte in Zürich das Hemd und fuhr (auch) nach Basel zum Festival «LiedBasel»: Ein prächtiges Boutique-Festival, das eine Gattung ins schönste Licht rückt, die auszusterben droht.

Das war am Freitag, 28. Mai. Am Samstag, 29. Mai, sass ich im Orchesterhaus des Luzerner Sinfonieorchester und hörte anlässlich des Festivals «Zaubersee» ein Wunder: Alexander Malo­feev. Eine Woche vorher hatte ich noch geschimpft: «Muss in diesen Zeiten tatsächlich ein Pianist aus Moskau nach Luzern fliegen, um 80 Minuten lang Klavier zu spielen!?» «Ja!», war meine jubelnde Antwort nach dem Konzert. Es braucht Austausch in der Musikwelt, es braucht Anschauungsunterricht für lokale «Stars», es braucht die Besten – in Wien wie in Luzern.

Nach zwei Tagen Pause musizierten am Mittwoch, 2. Juni, in Olsberg beim Solsberg-Festival die weltberühmten Freunde von Cellistin Sol Gabetta auf einem Niveau, das staunen machte. Und stolz: Die Schweiz hat genügend Geld, um an solchen Zauberörtchen Grossartiges entstehen zu lassen.

Am Donnerstag, 3. Juni, geschah etwas Ähnliches in Solothurn. Ich sass in diesem einzigartigen Barocktheäterchen und erlebte eine Aufführung von J. P. Rameaus «Zaïs»: Das kleine Theater zeigte, wie man trotz kleinem Budget Topniveau bieten kann und dank den Ideen des wachen Intendanten noch und noch Überraschungen bietet.

Das kleine Theater Biel/Solothurn zeigte, wie man trotzkleinem Budget Topniveau bieten kann: «Zaïs», eine Oper von Jean-Philippe Ramea.

Das kleine Theater Biel/Solothurn zeigte, wie man trotz
kleinem Budget Topniveau bieten kann: «Zaïs», eine Oper von Jean-Philippe Ramea.

Suzanne Schwiertz/Tobs

Einen Tag später, am 4. Juni, ging es zu den Swiss Alps Classics nach Andermatt: Ein junges Festival, das Aufmerksamkeit will und braucht. Und Kritik. Ich hätte in Andermatt bleiben sollen, denn am Sonntag gab die Schweizer Dirigentin Lena Lisa Wüstendorfer mit ihrem Swiss Orchestra den Einstand als Residenzorchester von Samih Sawiris’ Reihe «Andermatt Music»: Swiss Culture ist dort gefragt, wo die Welt zu Gast sein soll.

Doch ich hatte ein Sonntagsmatinee-Konzert am 6. Juni mit dem Klavier-Harfe-Duo Praxedis in Luzern. Dank vier Stiftungen konnte das Luzerner Sinfonieorchester im Dezember die Reihe «Solidarische Klänge» auf die Beine stellen: Musiker, die während der Corona-Zeit keine Chance mehr hatten, aufzutreten, fanden hier ein Podium, ein Publikum, eine schöne Gage und eine Kollekte dazu. Die Schweiz liess seine Künstler nicht im Stich.

Dank Pilotprojekt mit 600 Gästen im KKL beim Abschied von James Gaffigan.

Dank Pilotprojekt mit 600 Gästen im KKL beim Abschied von James Gaffigan.

Patrick Hürlimann

Am Donnerstag, 10. Juni, gab James Gaffigan seinen Abschied als Chefdirigent vom Luzerner Sinfonieorchester. Dank dem Stempel «Pilotprojekt» sassen 600 Leute im KKL – ein Grossteil herausgeputzt, als ginge es zur Eröffnung des Lucerne Festival. Meine Nervosität hielt sich in Grenzen. Nicht weiter schlimm. Nach mehr als 400 KKL-Besuchen seit 1998 bleibt das KKL ein Zuhause. Vor und während Corona.

Jeden dritten Tag gab es eine Einladung aus dem Ausland

Mittlerweile erhielt ich jeden dritten Tag eine Festivaleinladung aus dem Ausland: «Kommen Sie nach Palermo, das Teatro Massimo veranstaltet ein Openair-Opernfestival!» Ein Kammermusikfestival in Apulien könne ich anhängen. «Kommen Sie nach Pesaro ans Rossini-Festival – das alte Teatro ist restauriert!» «Wir starten mit dem George Enescu-Festival am 28. August: Kommen Sie nach Bukarest, Herr Berzins?»

Ich flog am 13. Juni in den Ural nach Perm, wo Pultstar Teodor Currentzis das Diaghilev Festival leitet, hörte, staunte und sah in fünf Tagen 11 Aufführungen. In Perm geschieht etwas, das weite Kreise ziehen wird. Wer nicht reist, erkennt so etwas nie.

Am Diaghilev Festival in Perm sah ich, wie sich die Festivalszene verändern wird.

Am Diaghilev Festival in Perm sah ich, wie sich die Festivalszene verändern wird.

Nikita Chuntomov

Am 19. Juni kam ich heim und musste am 20. Juni im Opernhaus Zürich die Premiere von «Lucia di Lammermoor» sehen. 100 Plätze à 230 Franken wurden verkauft. Es werden wieder bessere Opernhaus-Zeiten für das Haus kommen … Am 23. Juni war die Welt wieder in Ordnung, als der Boswiler Sommer startete: Ein Festival, das Ureigenes schafft, das weltbekannt sein müsste. Schön, dass so etwas in der Provinz glänzt.

Am 25. Juni war ich erneut in Luzern, wo der Schweizer Geiger Sebastian Bohren um 12.30 Uhr ein furioses Programm kühn meisterte. Am 2. Juli sass ich in der Arena di Verona und hörte mit 6000 Leuten «Nabucco». Fast. Nach 30 Minuten begann es zu regnen, statt des Gefangenenchores gab es Valpolicella. Aber das Festival wird bis am 4. September Tausende von Menschen anlocken. Hier wird grosse Kunst für die Masse geboten. Das geht.

Der Boswiler Sommer blüht in der Provinz, könnte weltberühmt sein.

Der Boswiler Sommer blüht in der Provinz, könnte weltberühmt sein.

Alex Spichale / KUL

Unter dem Strich erlebte ich 24 Aufführungen in 5 Wochen – und dabei war ich nicht mal an der Lenzburgiade, nicht bei den St. Galler Festspielen, nicht beim letzten Konzert in der Tonhalle Maag! Dieser kulturelle Überfluss hatte einen künstlerischen Grund, nichts war zu viel, überall Publikum.

Jetzt plane ich den Sommer: Gstaad, Verbier, Salzburg, Davos, Luzern; Zermatt, Ascona und Vevey kommen später dazu. Geht Lucerne Festival am 12. September zu Ende, eröffnet das Opernhaus Zürich mit «Salome». In Basel geht der Premierenreigen am 16.9. los, am Luzerner Theater schon am 5.9., in St. Gallen am 15.9.

Gibt es in der Schweiz zu viele Konzerte, zu viel Kultur?

Verrückt? Früher war das normal. Und: Das ist und war richtig. Die Pandemie kann die Kulturmanager, Dirigentinnen, Sänger und andere Musiker nicht aufhalten: Sie wollen spielen. Und sie sollen spielen, gibt es in der Schweiz doch genügend Geld dafür: Stiftungen, Mäzene, Sponsoren und die Subventionsgeber unterstützen die Kultur breit. Auch in Corona-Zeiten.

Der zu Beginn zitierte Christoph Müller sagte in dieser Zeitung, dass die Kantone Bern, Basel-Stadt und Aargau sehr gut zur Kultur geschaut hätten. Seit der ehemalige Operndirektor Alexander Pereira Zürich verlassen hat, jammert in der Schweizer Kulturszene sowieso niemand mehr, er habe zu wenig Geld.

Das ist nicht ungefährlich. Denn vielleicht hat uns die Leere im Lockdown auch gezeigt, dass es in der Schweiz nicht genügend, sondern zu viel Kultur, zu viele Konzerte, zu viele Opernaufführungen gibt. Gab oder gibt es auf Seiten des Publikums wie der Künstler gar eine Sättigung? Jedenfalls empfindet in der Schweiz im Unterschied zum russischen Perm kaum einer ein Konzert als ein Geschenk. Allerdings sagt hier auch kaum einer danke, wenn er ein Rindsfilet mit Schwarzen Trüffeln serviert bekommt (er beklagt sich eher darüber, dass es nicht weisse Trüffel sind).

Noch nie war es so leicht, für Konzerte Karten zu kriegen

Es gilt vorsichtig zu sein und dankbar. Denn die «kulturellen Rindsfilets» gibt es nur solange, als das Publikum auch in die Konzerte strömt. Zurzeit ist das nicht so. Das Konzert- ist im Unterschied zum Fussballpublikum zögerlich. Kein Zufall, verschicken die Festivals in diesen Tagen noch einmal ihre ausgefeilten Schutzkonzepte. Noch nie war es so leicht, für die Konzerte Karten zu kriegen. Eröffnung des Lucerne Festival mit Riccardo Chailly? Nur zu! Gerademal 30 Prozent der Bevölkerung will wieder «ohne Bedenken» an Kulturveranstaltungen teilnehmen, nur 55 Prozent lösen ihr Abo erneut, so eine Umfrage des Bundesamtes für Kultur.

Hoffen wir, dass es spätestens im Oktober anders ist. Denn dann schauen die Politiker wieder sehr genau, wie viele da im Zuschauerraum sitzen, berechnen, mit wie vielen Hundert Franken jeder Sitz quersubventioniert ist. Es gilt, Coronaschulden abzubauen. Noch leben wir in prächtigen Zeiten: Es ist möglich, von St. Gallen bis Genf fast alle 40 Kilometer ein professionelles Orchester Beethoven spielen zu hören. Der Kantönligeist sorgt für diesen Reichtum: Die Aargauer spielen vor allem für die Aargauer, die St. Galler für die St. Galler. Und das ist richtig so: Die Grundversorgung kann nicht von auswärts kommen, Orchester leben für ihre Stadt und ihre Region.

Kultur lebt vom Kleinen ins Grosse. Wir schauen in Bern zufrieden eine Oper und staunen dann, welche Potenz das Opernhaus Zürich hat. Und sehen in Salzburg, wie es auch gehen könnte. Salzburg ...? Mein nächster Termin: 26. Juli, W. A. Mozart, Don Giovanni, Grosses Festspielhaus.

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