Analyse
Europa in der Schuldenfalle

Ökonomen sind sich deshalb einig: Griechenland wird seine Schulden nicht zahlen können. Aber damit steht das Land nicht alleine da.

Fabian Fellmann
Fabian Fellmann
Drucken
Teilen
Wechselstube in Athen.

Wechselstube in Athen.

KEYSTONE

Griechenland wird seine Staatsschulden von bald gegen 450 Milliarden Euro nie ganz abstottern können. Ab Oktober wollen die Euro-Länder deshalb über Schuldenerleichterungen reden. Im Fokus steht vor allem eine Zahl: Das Verhältnis der Schulden zur Wirtschaftsleistung, das in Griechenland 220 Prozent erreichen soll. Mit anderen Worten: Die Schulden werden mehr als doppelt so hoch sein wie die Summe, die die griechische Wirtschaft in einem Jahr erarbeitet. Ökonomen sind sich deshalb einig wie selten: Diese Summe wird Athen nicht zurückzahlen können. Zum Vergleich: In der Schweiz betragen die Schulden sämtlicher staatlicher Ebenen inklusive Sozialversicherung rund 35 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Weil aller Augen auf Griechenland gerichtet sind, ist in den Hintergrund geraten, dass es keineswegs das einzige Euro-Land mit einem riesigen Schuldenproblem ist. In mehreren Hauptstädten wiegen die Schulden in den nächsten Jahren deutlich schwerer auf dem Staatsbudget. Die Zinssätze auf den Griechen-Krediten sind sehr niedrig, und für die Rückzahlung bleiben Athen Dutzende Jahre Zeit. Mit solchen günstigen Bedingungen haben die Euro-Länder 2012 die totalen Kosten der griechischen Staatsschulden fast halbiert – ein indirekter Schuldenschnitt.

Portugal und Italien könnten als Nächste ins Schlaglicht geraten

Ob die Euro-Länder ein weiteres solches Geschenk anbieten, wie es der Internationale Währungsfonds verlangt, werden sie erst im Oktober diskutieren. Deutschland drängt darauf, dass dabei vor allem betrachtet wird, wie stark der griechische Staatshaushalt durch den Schuldendienst belastet wird, und nicht nur die Höhe des Endbetrags. Im vergangenen Jahr etwa benötigte Griechenland vier Prozent seiner Wirtschaftsleistung für den Schuldendienst. Zum Vergleich: Portugal und Italien mussten fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aufwenden. In beiden Ländern hoffen die Politiker nun inständig, dass Griechenland sich wieder aufrappeln kann. Denn sollte dort das Rettungsprogramm scheitern, dürften sie als Nächste ins Schlaglicht geraten: Italiens Schuldenberg etwa ist auf 132 Prozent der Wirtschaftsleistung angestiegen, in Portugal sind es ebenfalls 130 Prozent.Ein bisschen besser, aber ebenfalls schlecht steht die ganze Eurozone da: Die durchschnittliche Verschuldungsquote der 19 Länder beträgt 92 Prozent. Dabei gälte laut Maastricht-Kriterien die viel strengere Limite von 60 Prozent. Eingehalten werden die aber nur von den baltischen Staaten, Finnland und der Slowakei. In allen anderen Euro-Ländern sind die Schulden seit Jahren zu hoch, was die EU-Kommission rituell bemängelt, ohne wirklich etwas dagegen unternehmen zu können. Selbst beim europäischen Musterknaben Deutschland ist die Verschuldung mit 74 Prozent deutlich über dem Grenzwert in den EU-Verträgen.

Die US-Wirtschaft wächst trotz hoher Verschuldung

Die hohen Staatsschulden dürften mit ein Grund dafür sein, dass die europäische Wirtschaft nicht so richtig vom Fleck kommen will. Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel schätzen, dass eine Schuldenquote über 85 Prozent das Wachstum einer Volkswirtschaft behindert. Sie erklären dies damit, dass hohe Schulden die Stabilität des Finanzsystems schwächen. Als Gegenargument verweisen einige Ökonomen auf die USA: Dort hat der Staat nach der Finanzkrise kräftig investiert. Die Verschuldung ist deswegen von rund 70 auf über 100 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen, trotzdem wächst die Wirtschaft. Allerdings profitieren die USA von zwei entscheidenden Vorteilen: Erstens ist der Dollar die wichtigste Leitwährung der Welt, US-Staatspapiere finden darum stets Abnehmer, was die Kosten für die Schulden tief hält. Zweitens ist China darauf angewiesen, dass die grösste Volkswirtschaft der Welt weiter brummt, und kauft im grossen Stil amerikanische Staatsschulden auf.

Auf diese vorteilhaften Bedingungen müssen die Euro-Länder verzichten. Der Euro ist zwar eine starke Währung, doch stabil ist er noch keineswegs, wie die Griechenland-Krise gezeigt hat. Wirtschaftliches Wachstum ist derzeit das einzige, was die öffentlichen Haushalte der Eurozone wieder ins Lot bringen kann. Nimmt die Leistung zu, wird die Schuld im Verhältnis automatisch kleiner. Ausserdem würde die Inflationsrate dann langsam wieder steigen und die Schulden verlieren mit der Zeit automatisch an Wert. Derzeit sind aber aller Ankurbelungsversuche zum Trotz weder starkes Wirtschaftswachstum noch Inflation in Sicht. Europa steckt in der Schuldenfalle.

Aktuelle Nachrichten