#Allesangers

Es wird geküsst

Rahel Bühler aus Walterswil ist freie OT-Mitarbeiterin und absolviert derzeit ein Austauschsemester in Angers, Frankreich. In ihrer Kolumne #AllesAngers schildert sie ihre Erfahrungen und Beobachtungen. Heute: Zur Begrüssung wird geküsst.

Rahel Bühler
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Keystone

Während wir Schweizer uns nicht entscheiden können, ob wir uns zur Begrüssung eine Umarmung, drei Wangenküsschen oder doch nur eines geben sollen, halten es die Franzosen einfacher: «On fait la bise». Es gibt zwei Küsschen: Eines links, eines rechts. Und zwar von der allerersten Begegnung an, bis zur Letzten.

Egal ob man sich im Pub kennenlernt, in der Altstadt zufällig wiedersieht oder auf dem Universitätsgelände begegnet: Es wird geküsst. Im Übrigen geben sich auch Männer jeder Alterskategorie zur Begrüssung zwei Küsschen. Und dies haut mich nach wie vor jedes Mal aus den Socken. Kurze Randbemerkung zum Begriff Pub: Ja, er kommt aus dem Englischen. Ja, Angers liegt in Frankreich. Aber hier ist jede zweite Beiz mit Pub angeschrieben. Da gibt es ein schottisches, mehrere irische und gar ein australisches.

Zurück zum kussreichen Begrüssungsritual: Bei jemanden, den ich kenne, stört mich das nicht, die Person ist mir ja bekannt. Jemandem, dem ich noch nie zuvor begegnet bin und daher wildfremd ist, zur Begrüssung zwei Küsschen auf die Wange zu geben, ist dann doch sehr ungewohnt. Normalerweise gebe ich jemandem bei der ersten Begegnung die Hand.

Und genau dann, wenn die zwei Kulturen, die ja eigentlich nicht so fern voneinander sind, aufeinanderprallen, entwickeln sich oft bizarre, meist sau-lustige Kombinationen. Dann nämlich, wenn ich jemandem die Hand geben will und das Gegenüber zur «Bise» ansetzt.

Oder dann, wenn sich die beiden Begrüssenden nicht entscheiden können, auf welcher Wange jetzt zum Küsschen angesetzt werden soll und man dann plötzlich Nase an Nase voreinander steht, die Lippen nur Zentimeter weit entfernt. Alles schon vorgekommen. Retten tut einem in dieser Situation meist nur ein etwas aufgezwungenes Lächeln und die Entschuldigung, dass man halt eben nicht von hier sei.

Und der Trost, dass es scheinbar auch unter den Franzosen kein allgemein gültiger Konsens darüber gibt, auf welcher Seite mit dem Begrüssungsküsschen angefangen werden soll – und es dem Einheimischen damit genau so geht wie dem Fremden.