Asyl
Es rast die Wut und will ihr Opfer

Europa ist in Abwehrstellung gegen die Migranten aus dem Süden. Im «Volk» gärt es. Die Gründe liegen auf der Hand: Angst vor Wohlstandsverlust und sozialem Abstieg. Parteien von links bis rechts versuchen davon zu profitieren. Ein Kommentar.

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NPD-Anhänger demonstrieren in Dresden gegen Flüchtlinge.

NPD-Anhänger demonstrieren in Dresden gegen Flüchtlinge.

Keystone

Nirgendwo ist der «Europäer» europäischer als in seiner abwehrenden Haltung zu den Migranten aus dem Süden. Die Unterscheidung zwischen wirklich bedrohtem «Flüchtling» und «Wirtschaftsflüchtlingen», die nur ein besseres Leben suchen, ist flächendeckend und wirkt verlockend plausibel.

Das hat mit unserem Asylbegriff zu tun, der von Konflikten in der Nähe ausgeht. Aber der Eindruck, eigentlich möchte man gar niemand Fremden da haben, ist stark. Bei uns gibt es keine Gewalt; und dort, wo es sie allenfalls gibt, sollen die Leute selbst schauen, dass sie ihre gewalttätigen Regimes los werden.

Diese Abwehrhaltung führt zu Exzessen. Europas Gesellschaften sind nervös, die Bürger fühlen sich bedroht: Enthemmung aus Notwehr - sei es in unflätigen Äusserungen auf Online-Foren oder in Gewalt gegen Einrichtungen für die Migranten.

Die Gründe sind klar: Angst vor Wohlstandsverlust und vor sozialem Abstieg. Das ist nicht unbegründet: Besonders die Bundesrepublik ist aus einer «Aufstiegsgesellschaft», in der dem Fleissigen gerechter Lohn winkte, zu einer undurchsichtigen Veranstaltung geworden. Vor allem im Osten gilt: Alles richtig gemacht, alles gegeben - und doch geht es nicht recht vorwärts.

Misstrauen in die Institutionen, in die Politik, gar in die Demokratie, sind die Folge. Was auch immer dafür verantwortlich ist, dass es sich in einigen Gebieten Afrikas wirklich nicht menschenwürdig leben lässt, Schuld haben «die da oben», die nichts machen und «gegen das Volk» regieren. Und die Parteien, die sich politisch kaum mehr voneinander unterscheiden, fühlen sich bemüssigt mitzuspielen. Man versucht lieber von links bis rechts, durch die Bestärkung des Ressentiments Wähler zu gewinnen. Das befeuert aber nur die Wut und die sucht sich ihr Opfer.

christoph.bopp@azmedien.ch

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