Kommentar

Diskriminierung? Fehlanzeige! – Was habe ich falsch gemacht?

In ihrer Replik zum Artikel «Aus dem Leben einer Frau» von Anne-Sophie Scholl schreibt Dagmar Heuberger: «Ich habe mich nie daran gestört, die einzige Frau in einem Gremium aus lauter Männern zu sein.»

Dagmar Heuberger
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Dagmar Heuberger. (Quelle: AZ)

Dagmar Heuberger. (Quelle: AZ)

Das Thema ist dieser Tage allgegenwärtig. Man – und vor allem frau – kann ihm nicht ausweichen: Der 14. Juni – Frauenstreik. Auf allen Kanälen schildern Frauen ihre Erfahrungen mit Diskriminierung, Herabsetzung, sexueller Belästigung. Auch meine Kollegin Anne-Sophie Scholl in der «Schweiz am Wochenende». «Frauen brauchen nicht weiterzulesen. Sie kennen das, die allermeisten», schreibt sie gleich am Anfang ihres Artikels.

Ich habe weitergelesen. Und mich, je länger ich las, desto mehr gefragt: Bin ich noch normal? Zumindest gehöre ich offensichtlich nicht zu den «allermeisten» Frauen. Natürlich: Das Frauenstimmrecht ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Ebenso gleicher Lohn für gleiche Arbeit und Mutterschaftsurlaub, wobei mir bewusst ist, dass hier noch vieles im Argen liegt. Und dass Frauen in der katholischen Kirche nicht gleichberechtigt sind, der Vatikan immer noch am Zölibat festhält und stattdessen Priester reihenweise Kinder missbraucht haben, halte ich sowieso für eine Schweinerei.

Aber ich habe in meinem bald 64-jährigen Leben weder sexuelle Belästigung erfahren, noch wurde ich im Berufsleben diskriminiert oder benachteiligt. Solche Sachen gehören eben nicht zu meiner «ganz normalen weiblichen Biografie», wie Anne-Sophie Scholl schreibt. Vielleicht gehöre ich – zum Glück – ganz einfach nicht ins «Beuteschema» gewisser Männer. Womöglich liegt es aber auch daran, dass das, was wir heute unter sexuellen Übergriffen und Belästigung verstehen, in der Zeit, als ich erwachsen wurde, anders gesehen wurde: In den 1970er Jahren begann die Verbreitung der Pille. Wir jungen Frauen nahmen das Verhütungsmittel dankbar an: Sex ohne Angst vor unerwünschten Schwangerschaften! «Wer zweimal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment», lautete – ganz im Sinne der 68er – die Devise. (Von Aids wusste man in jener Zeit noch nichts). Das war damals die wahre Befreiung und gehörte zum feministischen Kampf für die Gleichberechtigung.

Während des Studiums und später im Berufsleben wurde ich als Frau nie herabgesetzt, belästigt oder benachteiligt. Ich habe Militärgeschichte studiert und als erste Frau in diesem Fach promoviert. Zugleich habe ich 20 Jahre lang freiwillig Zivilschutzdienst geleistet. Mehr Männerwelt geht nicht! Doch meine Kommilitonen und der Professor haben mich nie spüren lassen, dass ich eine Frau und deshalb irgendwie minderwertig bin. Ebenso wenig die Kollegen im Zivilschutz. Ich gehörte einfach dazu, war als gleichwertige Kollegin akzeptiert.

Auch der Beginn meiner journalistischen Laufbahn war männlich geprägt. Beim «Aargauer Tagblatt» gab es Mitte der 80er Jahre nur noch eine einzige weitere Redaktorin. Dennoch: Diskriminierung? Fehlanzeige! Als ich mich nach dem Praktikum für eine Stelle als Lokalredaktorin bewarb, meinte der Chefredaktor nur: «Aber dafür sind Sie doch überqualifiziert!» Ein paar Jahre später bot man mir eine Stelle als Auslandredaktorin an.

Zugegeben, ich weiss nicht (und weiss immer noch nicht), ob ich gleich viel oder weniger Lohn bekam als meine männlichen Kollegen. Gespräche über die Höhe des Lohns waren ohnehin tabu – auch unter Männern. Und ja, ich habe vermutlich mehr und häufig auch länger gearbeitet als meine Kollegen (und Kolleginnen). Aber nicht, weil ich als Frau glaubte, mich beweisen oder durchsetzen zu müssen. Sondern weil exaktes und zuverlässiges Arbeiten, Pflichtgefühl und Verantwortungsbewusstsein anscheinend in meinen Genen liegen. «Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen», gaben mir meine Eltern mit auf den Weg. Vor allem mein Vater war derjenige, der – wie ich – Fünf nie gerade sein lassen konnte, während meine Mutter vieles leichter und lockerer nahm. Das zeigt vielleicht am besten, dass Sorgfalt und Zuverlässigkeit keineswegs «typisch weibliche» Eigenschaften sind.

Tatsache ist, dass ich mich unter Männern häufig wohler fühlte als unter vielen Frauen. Ich habe mich nie daran gestört, die einzige Frau in einem Gremium aus lauter Männern zu sein. Ja, es ist mir jeweils nicht einmal aufgefallen. Und meine engsten Vertrauten, die Menschen, mit denen ich all meine Pläne, Freuden und Sorgen bequatschte, auf deren Rat ich zählte und auf die ich mich verliess, waren stets Männer.

So frage ich mich heute: Was habe ich bloss falsch gemacht? Was ist schief gelaufen? Und: Bin ich eigentlich noch normal?