Kommentar

Die St.Galler Provokation der Grünen ist nur ein Vorspiel: Warum sich Rote und Grüne zunehmend in die Haare geraten

Ausgerechnet die feministischen Grünen empfehlen in der Stadt St.Gallen einen parteilosen Mann zum Stadtpräsidenten – anstatt einer SP-Frau. Die Provokation an die Adresse des linken Bündnispartners hat nicht nur lokale Ursachen.

Stefan Schmid
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Stefan Schmid

Stefan Schmid

Hanspeter Schiess

Die Schweiz hat davon kaum Notiz genommen. Dabei hat sich in der Stadt St. Gallen politisch Brisantes zugetragen in den vergangenen Tagen: Die lokalen Grünen unter der Führung von Neo-Nationalrätin Franziska Ryser empfehlen den parteilosen Schuldirektor Markus Buschor, der dem linksliberalen Lager zugeordnet wird, als Stadtpräsidenten. SP-Frau Maria Pappa, die sich am 27. September wie Buschor ebenfalls ums Präsidium bewirbt, guckt in die Röhre.

Ausgerechnet die feministischen Grünen empfehlen den Mann zur Wahl und wollen damit die erste Frau an der Spitze der Ostschweizer Metropole verhindern.

Die Sozialdemokraten toben. Hinter vorgehaltener Hand wird über den unbotmässigen grünen Juniorpartner gestänkert, was das Zeug hält. Die Grünen frohlocken. Endlich hat man es dem grossen Bruder einmal gezeigt.

Gewiss, lokale Wahlempfehlungen haben auch immer lokale Ursachen. So waren es die Genossen, die 2017 den Grünen die Gefolgschaft verweigerten und stattdessen der Grünliberalen Sonja Lüthi zur Wahl in die Stadtregierung verholfen hatten. Das hinterlässt Wunden.

Bloss wäre es ebenso falsch, die St.Galler Episode als rein lokales Phänomen abzutun.

Die Rivalität zwischen Grünen und Sozialdemokraten hat sich spätestens mit dem fulminanten Wahlsieg der Öko-Partei im vergangenen Herbst, der über weite Strecken auf Kosten der SP erfolgte, akzentuiert.

Die beiden Parteien trennen national nur noch rund drei Wählerprozente – 13,2 sind es bei den Grünen, 16,8 bei der SP. Plötzlich sind die Grünen nicht mehr der kleine linke Handlanger, als welcher sie seit ihrer Gründung in den 1970er Jahren stets behandelt wurden.

Sollte es den Grünen gelingen, ihre Stärke zu konservieren, dürfte diese Rivalität zunehmen. Nicht sach-, aber machtpolitisch kommen sich die linken Schwesterparteien zunehmend ins Gehege. Angesichts der Stärkeverhältnisse im Land ist klar: Wollen die Grünen eines Tages in den Bundesrat, dann müssen sie die SP angreifen. Einen dritten linken Bundesratssitz gibt es nämlich auf absehbare Zeit kaum.

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