Kommentar
Die Botschaft der Demonstranten kommt in Peking an

Die Demonstranten in Hongkong haben einen Etappensieg vorzuweisen: Ihr Ruf nach mehr Demokratie ist in Peking angekommen. Wie gut informiert sind aber die Chinesen über die Aktivitäten südlich ihres Landes?

Felix Lee, Hongkong
Felix Lee, Hongkong
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Demonstrationen in Hongkong
16 Bilder
Wieder versammelten sich Tausende in den Strassen Hongkongs
Vater und Sohn hinterlassen eine Nachricht am Demokratie-Bus
Ein Mann ruft pro-chinesische Slogans
Es kam in den letzten 17 Jahren zu einer wachsenden Entfremdung zwischen Peking und den Hongkongern.
Die Wirtschaftsmetropole mit rund sieben Millionen Einwohnern geniesst ein hohes Mass an Autonomie, doch das reicht den Bürgern anscheinend nicht.
Nicht erfüllt hat Peking bislang das Versprechen, dass die Hongkonger ihren Verwaltungschef frei wählen dürfen. Er wird durch eine Kommission bestimmt, die Kritiker als mehrheitlich China-hörig bezeichnen.
Die sozialen Unterschiede in Hongkong wachsen wegen des Zustroms reicher Chinesen.
Korruption lässt das Vertrauen in den einst viel gerühmten öffentlichen Dienst schrumpfen.
In einer Umfrage der renommierten Chinesischen Universität Hongkong sprachen sich nur 31 Prozent für Occupy Central aus, 46 Prozent lehnten die Bewegung ab.
Peking-treue Gruppen berufen sich darauf, die «schweigende Mehrheit» der Bevölkerung zu vertreten.
Hongkongs Wirtschaftselite ist ebenfalls mehrheitlich gegen die Proteste.
Peking fürchtet ein Überschwappen der Demokratiebewegung auf das Festland. Die staatlich kontrollierten Medien berichten entsprechend zurückhaltend.
Die letzte grosse Demokratiebewegung in China wurde 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Peking blutig niedergeschlagen. Ein solches Ende könnte auch der Hongkonger Occupy-Bewegung blühen.
Die chinesische «Volksbefreiungsarmee» unterhält einen Stützpunkt in der Stadt. In der Nachbarprovinz Guandong ist zudem ein Kontingent der paramilitärischen Polizei stationiert.
China will ein Tiananmen-Szenario verhindern, weil die wirtschaftlichen Folgen für China und Hongkong zu schwerwiegend wären.

Demonstrationen in Hongkong

Keystone

Gewisse Verhaltensweisen sind nur schwer abzulegen. Aus Furcht, die Bilder der Demokratie-Proteste in Hongkong könnten auch die Fantasie der Unzufriedenen in der Volksrepublik beflügeln, sind die chinesischen Zensoren eifrig dabei, Einträge aus den sozialen Netzwerken zu löschen, die Bezug nehmen auf «Occupy Central» oder Regenschirme.

Die Wirkung ist fraglich. Abgesehen davon, dass Netzaktivisten Wege finden, die Kurznachrichten aus Hongkong dennoch zu streuen – die zentrale Botschaft ist auch in der Volksrepublik angekommen: Die kleine südchinesische Sonderverwaltungszone lässt sich die Bevormundung durch die Machthaber in Peking nicht länger gefallen.

Dabei sind die Hongkonger Aktivisten bislang nicht einmal besonders radikal vorgegangen. Sie haben sich gegen den Pfeffersprayeinsatz der Polizei mit nichts anderem gewehrt als mit aufgespannten Regenschirmen. Doch genau diese Bilder sind zum Symbol der Demokratieproteste geworden. Die Mehrheit in China dürfte aufgrund der Nachrichtensperre nur vage informiert sein. Doch selbst in Peking waren gestern Menschen unterwegs, die demonstrativ Regenschirme aufgespannt hatten.

Sicherlich wird viel davon abhängen, wie Chinas Führung mit dem Protest weiter umgeht. Einen Etappensieg haben die Aktivisten aber bereits vorzuweisen: Ihr Ruf nach mehr Demokratie in Hongkong steht stellvertretend für die Forderung nach einem politischen Wandel in ganz China. Das ist angekommen – trotz Zensur.