Wochenkommentar
Die Angst darf nicht siegen!

In unserer freien Gesellschaft ist es ein zentraler Wert, dass man alles sagen und zeichnen darf, was nicht durch den Gesetzgeber verboten ist, schreibt «Nordwestschweiz»-Chefredaktor Christian Dorer.

Christian Dorer
Christian Dorer
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Paris: Polizeikräfte nehmen die geretteten Geiseln aus dem Supermarkt in Empfang.

Paris: Polizeikräfte nehmen die geretteten Geiseln aus dem Supermarkt in Empfang.

Keystone

Es läuft derzeit gut für die Terroristen. Sie verbreiten Angst und Schrecken und erregen weltweit Aufmerksamkeit. Das sind ihre stärksten Waffen. Damit erzielen sie im Kampf der totalitären Ideologie gegen unsere Kultur die noch grössere Wirkung als mit Kalaschnikows. Der minutiös geplante Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» war von hoher Symbolkraft. Die Terroristen haben gezielt jene getötet, die den Islam kritisierten. Damit haben sie stellvertretend die freie Presse und die freie Gesellschaft angegriffen. Sie hatten wohl geahnt: Eine solche Tat erschüttert Frankreich und die westliche Welt um ein Vielfaches mehr, als wenn willkürlich 12 Pariser Bürger bei einem Attentat auf eine Metro ermordet werden.

Das Attentat führt zu einer Schere im Kopf

Wer ist derzeit geistig frei, wenn es um den Islam geht? Wer überlegt sich nicht mögliche Folgen einer Kritik? Einen eigenartigen Schlenker machte der «Tages-Anzeiger» in seinem Leitartikel: Seine Karikaturisten erhielten keine Vorgaben – Mohammed-Karikaturen aber würden keine gezeigt. Ja, was denn jetzt? Auch die «Nordwestschweiz» druckt derzeit keine islamfeindliche Karikatur ab – aber wir tun nicht so, als hätten wir keine Schere im Kopf.

Dabei geht es nicht um die Frage, ob eine Karikatur anständig oder pietätlos, intelligent oder dumm, humorvoll oder plump ist. Es geht um viel mehr: In unserer freien Gesellschaft ist es ein zentraler Wert, dass man alles sagen und zeichnen darf, was nicht durch den Gesetzgeber verboten ist.

Für die Terroristen läuft es derzeit auch deshalb sehr gut, weil «so eine Tat der ideale Werbeeffekt für die Terrormiliz IS ist», wie es der Kriminalpsychiater Reinhard Haller sagt. Wenn eine Tat erfolgreich ist, animiert sie potenzielle Nachahmer. Genau das ist der wirklich gefährliche Punkt: dass Einzeltäter mit relativ wenig Aufwand riesigen Schaden anrichten können. Gut möglich, dass es der westlichen Welt gelingen wird, den IS auszurotten – es wird aber bestimmt nicht gelingen, all der verirrten Hitzköpfe Herr zu werden, die in ihrem Leben keine Perspektive mehr sehen und Erfüllung suchen im islamischen Extremismus.

Deutliche Abfuhr für effekthascherische Politiker

Mut gibt die unglaublich grosse, weltweite Solidarität mit «Charlie Hebdo». Politische Gegner geben sich die Hand, Konkurrenten spannen zusammen, der Westen steht vereint da wie selten. Abstossend sind bloss jene wenigen, effekthascherischen Politiker, die zum Beispiel jetzt in Frankreich die Todesstrafe fordern (und die Terroristen damit erst recht zu Märtyrern machen würden). Oder die in der Schweiz prinzipiell keine muslimischen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak mehr aufnehmen wollen (die ja just vor den Extremisten fliehen). Wer das Volk für derart dumm hält und meint, es würde die Perfidie dieser Vorschläge nicht erkennen, wird hoffentlich abgestraft.

Die friedlichen Muslime sind die Leidtragenden der aufgeheizten Situation. Sie müssen sich nicht für eine Tat entschuldigen, die Extremisten verübt haben. Sie könnten jedoch viel Goodwill schaffen, wenn sie zum Beispiel mit einer Demonstration gegen jene protestieren würden, die ihre Religion für Terror missbrauchen.

Und wir alle? Sollen die Terroristen nicht triumphieren, dann müssen wir unsere Werte verteidigen. Dann dürfen wir uns durch Terror nicht einschüchtern lassen. Dann dürfen wir keinen Keil treiben lassen zwischen uns und gemässigte Muslime. Dann darf die Angst nicht siegen.