Kommentar
Der Videoschiedsrichter verkompliziert das einfache Spiel

Bald wird der Videobeweis in der Schweizer Super League eingeführt. Bleibt zu hoffen, dass bis dann die Kinderkrankheiten ausgemerzt sind.

Sergio Dudli
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Sergio Dudli (Bild: Ralph Ribi)

Sergio Dudli (Bild: Ralph Ribi)

Dies ist ein Kommentar aus der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

«Fussball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach – und am Ende gewinnen immer die Deutschen.» Eine Floskel, die wohl jeder Fussballanhänger kennt. Sie stammt von Gary Lineker. Gefallen sind die Worte im Nachgang an eine Niederlage seiner Engländer gegen Deutschland an der WM 1990. Fast drei Jahrzehnte nach dieser legendären Aussage hat sich vieles im Fussball verändert. Zwar jagen noch immer 22 Männer einem Ball nach. Und noch immer dauert eine Partie 90 Minuten. Aber am Ende gewinnen nicht mehr immer die Deutschen. Und ein einfaches Spiel ist Fussball auch nicht mehr.

Zugegeben, der Sport bleibt simpel. Doch wer in den vergangenen Wochen und Monaten die schier endlosen Diskussionen um den Videoschiedsrichter (VAR) verfolgt hat, bekommt einen anderen Eindruck. Minutenlang werden, in einem spärlich beleuchteten Keller Hunderte Kilometer vom Austragungsort entfernt, Linien gezogen und Standbilder erforscht, um eine vermeintliche Abseitsposition zu erkennen. Hier ein bisschen zurückgespult, da ein bisschen verlangsamt, dort ein bisschen hineingezoomt – die wachsamen Augen wollen alles sehen, was dem Referee auf dem Rasen in Realgeschwindigkeit entgeht. «Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.» Einfach. Aber nicht mehr zeitgemäss.

Paris am vergangenen Mittwoch. Es läuft die letzte Minute der regulären Spielzeit im Achtel­final-Rückspiel der Champions League zwischen Paris St-Germain und Manchester United, als der VAR eingreift. Statt Eckball gibt es Penalty für Manchester United. Kann man geben, muss man aber nicht. Den Engländern ist’s egal. In der 94. Minute verwandelt Marcus Rashford den Elfmeter. «Penalty ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.» Einfach. Aber nicht mehr zeitgemäss.

Das Spiel in Paris dauert übrigens 99 Minuten und 5 Sekunden. Schliesslich muss der Schiedsrichter auf dem Feld gewissenhaft jene Zeit nachspielen lassen, die seine Kollegen im Videokeller mit dem Hin-und-her-Spulen der diversen Sequenzen bis zu einer Entscheidungsfindung verplempern. «Das Spiel dauert so lange, bis der Schiedsrichter abpfeift.» Einfach. Auch noch zeitgemäss. Aber doch nicht mehr ganz so wie früher.

Natürlich hat der VAR auch Vorteile. Das Spiel wird gerechter, die Schiedsrichter auf dem Feld haben weniger Druck, und Fehler werden aus­gemerzt. Nächste Saison hält der Videobeweis Einzug in die Schweizer Super League. Bleibt zu hoffen, dass das ganze Prozedere bis dahin reibungsloser abläuft. Denn eigentlich ist der Fussball doch ein einfaches Spiel – und das muss auch mit dem Videobeweis so bleiben.