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Kommentar

Der Tierschutz ist ein Haifischbecken

Wegen Protesten sind kaum noch Raubtiere im Zirkus zu sehen, und Zoos geraten in Erklärungsnot. Der Tierschutz ist unbestritten wichtig. Doch wenn die Gefühle von Fischen und Einzellern plötzlich mehr gelten als die Interessen von Menschen, ist die Grenze vom Tierschutz zum Tierwahn überschritten.
Odilia Hiller
Odilia Hiller. (Bild: Michel Canonica)

Odilia Hiller. (Bild: Michel Canonica)

Wer kennt sie nicht, die aufrüttelnden Bilder von Massentiertransporten, verwahrlosten Strassenhunden und leidenden Laborratten. Sie treffen jeden halbwegs mitfühlenden Menschen mitten ins Herz. Dass Tierquälereien immer und überall gezeigt werden dürfen, erklärt unter anderem, weshalb wir täglich gefühlte 100-mal öfter verletzte und traurig guckende Tiere zu Gesicht bekommen als leidende Kinder oder vergewaltigte Frauen.

Diese mächtigen Bilder – wie auch den Tierschutz als Bewegung – gibt es schon lange. Verändert hat sich der Umstand, dass die sozialen Medien militanten Tierschützern heute fast grenzenlose Möglichkeiten bieten, mittels Empörungsbewirtschaftung auf sich und ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Zerrbilder der Realität inklusive.

Solange Tiere deshalb besser gehalten und behandelt werden, ist dagegen wenig einzuwenden. Problematisch ist hingegen der grösser werdende Kreis Neunmalkluger, die sich plötzlich als alleinige moralische Instanz im Oberthema «Tier» sehen. Die Auswüchse sind bekannt: Hippe Städter erklären denen auf dem Land, wie sie ihre Tiere zu halten haben und weshalb sie diese nicht essen sollten. Immer mehr glauben genau zu wissen, warum Tiere im Zoo, im Zirkus und im Aquarium Höllenqualen leiden. Plötzlich stehen Tierfachleute und Experten, die sich oft über Jahrzehnte um das Wohl dieser Tiere kümmerten, als Tierquäler da.

Spätestens hier geht die Rechnung nicht mehr auf: Misstrauisch muss machen, wenn mit dem Finger aggressiv auf andere gezeigt wird. Und wenn Gefühle von Fischen und Einzellern plötzlich mehr gelten als die Interessen von Menschen. Dann ist die Grenze vom Tierschutz zum Tierwahn überschritten.

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