Analyse

Der Solothurn-Moment

Solothurner Filmtage: Erfahrungen und Selbsterfahrungen im Kinosaal.

Daniel Fuchs
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Warum konvertieren Menschen zum Islam? Wie damit umgehen, wenn ein schwer behindertes Kind zur Welt kommt? Es sind grosse Fragen, die Filmschaffende in der Schweiz in den letzten Jahren beschäftigten. Ihre Antworten präsentierten sie an den Solothurner Filmtagen, die diese Woche zu Ende gegangen sind. Die beiden Fragen stammen aus den beiden Dokfilmen «Shalom Allah» und «Wer sind wir?».

Wir nennen sie an dieser Stelle nicht nur, weil sie gut sind, sondern weil sie beim Publikum in Solothurn diesen einen Moment auslösten, wie es ihn nur an einem Filmfestival geben kann. Wie kam es dazu? «Shalom Allah» erzählt drei Geschichten über Konvertitinnen und Konvertiten. Gedreht hat ihn David Vogel, der selbst jüdisch ist. Und diese Prägung thematisiert er im Film, was wichtig ist, weil Vogel den umgekehrten Weg als die Konvertiten beschritt: Er wandte sich als junger Erwachsener vom Glauben seiner streng gläubigen Familie ab. Wer sich den Film anschaut, der erfährt viel über die Gründe und die Motivation der Konvertiten. Wer ihn aber an den Solothurner Filmtagen gesehen hat, der hat auch sehr viel über sich selbst erfahren, weil die Vorführungen die eigenen Erwartungen in Frage stellten – und anregten zur Reflexion.

Im Film gibt es dieses eine Schweizer Paar. Ihre Beziehung erfährt eine Krise. In den Badeferien in der Türkei hören sie die Stimme des Muezzins – und finden zueinander und zu sich selbst. Zurück in der Schweiz konvertieren sie zum Islam. Zu Hause begleitet die Kamera die Frau, nun mit Kopftuch, wie sie ihre Tochter bekehrt. Später sieht man die Familie im Büro des bekanntesten Konvertiten der Schweiz sitzen, dem Präsidenten des umstrittenen Islamischen Zentralrats IZRS, Nicolas Blancho. Dort bekennt sich die Tochter zum Islam und legt vor Blancho das Glaubensbekenntnis ab.

«Warum die Konversion? Und warum ausgerechnet vor Nicolas Blancho, dem Enfant terrible der Konvertiten, der es nicht schafft, sich von der Kapitalstrafe Steinigung zu distanzieren?», möchte man der Familie zurufen. Die Fragen stecken einem wie ein Kloss im Hals.

Der Film geht zu Ende. Und das Paar wird auf die Bühne gerufen. Niemand raunt, niemand zeigt sich offen verblüfft, das Erstaunen im Saal ist trotzdem spürbar. Im Film hat die Frau fünf Mal am Tag gebetet, ihre eigene Tochter zum Islam bekehrt und trug Kopftuch. Nun steigt sie auf die Bühne. Mit offenem Haar.

Im anderen Film, «Wer sind wir?» von Edgar Hagen, leidet das Publikum mit Eltern mit, deren Kinder nie ein normales Leben führen können. Ihre Behinderungen sind so schwer, dass sogar mit ihnen in Kontakt zu treten viel Fantasie und Ausdauer der Eltern erfordert. Ein porträtiertes Paar traf es besonders hart: Nach dem ersten Sohn kam der zweite mit demselben Gendefekt zur Welt. Eindrücklich zeigt dieser Film auf, dass Kommunikation selbst dort möglich ist, wo man sie zuletzt erwarten würde.

Auch nach «Wer sind wir?» bleibt es ganz still im Kinosaal. Den Zuschauern ist nicht nach Diskussion zu Mute. Nur eine Frau trägt, mit voller Ehrlichkeit und laut, ihre Frage vor, die sie am meisten zu beschäftigen scheint: «Wie lange geht das hier noch?» Auch hier: Erstaunen. Im Kinosaal selbst entspricht die Kommunikation nicht dem gängigen Muster nach einer Vorführung. Weil sich jemand um die soziale Norm schert – oder diese nicht kennt. Ist die Frau einfach frech? Oder behindert? Wir wissen es nicht.

Manchmal liegt die Wahrheit verborgen im Halbdunkel eines Kinosaals. Bei der Konvertitin übrigens fragte dann doch jemand: «Wo ist Ihr Kopftuch?» «Ich habe es ausgezogen, als ich einen Job suchte.» Und die Tochter? Sie praktiziert ihren Glauben nicht. Radikale Konvertiten also? Nichts ist so klar, wie es scheint. Ein Solothurn-Moment.