Gastkommentar

Der Schöpferwille Gottes

Nächstes Jahr stehen in der Schweiz zwei Abstimmungen an, die geeignet sind, christliche Fundis in Alarmbereitschaft zu versetzen: die Ehe für alle und ein Diskriminierungsverbot sexueller Minderheiten.

Klara Obermüller
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Klara Obermüller ist Schriftstellerin und Publizistin, u. a. für «Journal 21». Sie war Redaktorin bei NZZ, «Weltwoche» und Moderatorin bei SRF («Sternstunde Philosophie»)

Klara Obermüller ist Schriftstellerin und Publizistin, u. a. für «Journal 21». Sie war Redaktorin bei NZZ, «Weltwoche» und Moderatorin bei SRF («Sternstunde Philosophie»)

 Gegen beide Vorlagen bringen sich die Bibeltreuen schon jetzt in Stellung. Denn im einen wie im andern Fall geht es um Homosexualität, und wenn diese zur Debatte steht, kennen Fundamentalisten aller christlichen Konfessionen kein Pardon. Widernatürlich sei sie und von Gott in seinem Schöpferwillen nicht vorgesehen, sagen sie und stellen sich daher sowohl der zivilrechtlichen wie auch der strafrechtlichen Gesetzesänderung entgegen.

Im Falle der Homo-Ehe argumentieren sie mit dem Schöpferwillen Gottes, im Falle eines Diskriminierungsverbots mit der Meinungsfreiheit, durch die das Zitieren einschlägiger Bibelstellen geschützt werden soll. In beiden Fällen liegen sie falsch, auch wenn sie glauben, die Bibel auf ihrer Seite zu haben.

Denn mit der Berufung auf die Bibel ist es so eine Sache. Dort kommt die Homo-Ehe nämlich überhaupt nicht vor. Weder das Alte noch das Neue Testament spricht von einer auf Dauer gestellten Liebesbeziehung gleichgeschlechtlicher Paare – ganz einfach, weil diese zur Zeit der Niederschrift der biblischen Bücher noch nicht denkbar war. Wenn die Bibel Homosexualität thematisiert, dann tut sie dies lediglich mit Blick auf gewisse homosexuelle Praktiken sowie auf den Tatbestand der Vergewaltigung. Und es geht dabei auch ausschliesslich um Männer. Lesbische Beziehungen scheinen die betreffenden Autoren nicht gekannt oder nicht für bedrohlich genug gehalten zu haben.

Biblische Äusserungen zur Homosexualität sind auf heute kaum anwendbar

 Diesen Umstand sollte bedenken, wer mit der Heiligen Schrift in der Hand gegen eine angeblich in Gottes Heilsplan nicht vorgesehene Homosexualität zu Felde ziehen will. Was die Bibel über Homosexualität sagt, ist von Menschen gesagt und stammt aus einer Zeit, die sich von der unseren fundamental unterscheidet. Biblische Äusserungen zur Homosexualität sind in höchstem Masse zeitgebunden und schon deshalb, losgelöst von ihrem historischen Kontext, auf die heutige Diskussion nicht anwendbar.

Um sich dieser historischen Bedingtheit der biblischen Texte bewusst zu sein, reicht es, ein paar Semester an einer anerkannten theologischen Fakultät studiert zu haben – oder auch, sich auf den gesunden Menschenverstand zu besinnen. Wenn Pfarrpersonen, egal ob reformiert oder katholisch, ob landeskirchlich oder freikirchlich orientiert, sich jetzt gleichwohl auf Gottes Schöpferwille berufen, um der Ehe für alle und einem Diskriminierungsverbot sexueller Minderheiten eine Absage zu erteilen, dann tun sie dies entweder aus Verblendung oder wider besseres Wissen. Anders ist nicht zu erklären, dass sie trotz abgeschlossenem Theologiestudium weiterhin munter mit der Bibel als wörtlicher Offenbarung Gottes argumentieren und eine Meinungsfreiheit proklamieren, die Bibelstellen ganz unbekümmert auch zur Herabsetzung Andersdenkender und Andersfühlender missbraucht.

Nur sollten sie dann halt auch bereit sein, sich ein paar unbequemen Fragen zu stellen: der Frage zum Beispiel, wie es kommt, dass es in eben dieser gottgewollten Schöpfungsordnung überhaupt homosexuell empfindende Menschen gibt, und mit welcher Begründung man diesen ihrer offensichtlich gottgegebenen sexuellen Orientierung wegen den kirchlichen Segen verweigern soll.

Berufung auf einen wissenschaftlich überholten Irrglauben

Eine schlüssige Antwort steht von Seiten der Fundamentalisten bis heute aus. Lieber pochen sie auf die christliche Barmherzigkeit oder geben sich dem wissenschaftlich längst überholten Irrglauben hin, Homosexualität sei «heilbar», ohne zu erwähnen, wie viel Leid zum Teil bis heute durch solchen Humbug angerichtet wird. Hauptsache, sie wissen Gott auf ihrer Seite und kennen seinen Plan: eine Überheblichkeit, die im besten Fall naiv, im schlimmeren aber blasphemisch zu nennen ist.

Dass der Schweizerische Evangelische Kirchenbund sich solchen Auffassungen entgegenstellt und mit klarer Mehrheit für die Homo-Ehe und für ein Diskriminierungsverbot sexueller Minderheiten eintritt, stimmt im Hinblick auf die bevorstehenden Abstimmungen zuversichtlich. Von Seiten der Schweizer Bischöfe steht ein klares Wort noch aus. Dass es vage ausfällt oder ganz ausbleibt, ist zu befürchten. Schliesslich hat auch Papst Franziskus bis jetzt lediglich Barmherzigkeit gegenüber Schwulen angemahnt. Vom Empfang des Ehesakraments hat er nichts gesagt.