Gastkommentar

Der Pisa-Test – einmal anders gelesen

Lesefaulheit als Folge des „digitalen Zeitalters“? Pisa als Cash-Maschine? Eltern als die wahren Schuldigen? – Weshalb Abwehrreflexe und Schuldzuweisungen niemandem helfen und schon gar nicht jenen, die beim Lesen Mühe bekunden.

Afra Sturm
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Afra Sturm ist Co-Leiterin des Zentrum Lesen, Medien, Schrift der Pädagogischen Hochschule der FHNW.

Afra Sturm ist Co-Leiterin des Zentrum Lesen, Medien, Schrift der Pädagogischen Hochschule der FHNW.

Wer den Pisa-Bericht genau liest, kann ihm entnehmen, dass die Leseleistung der Schweizer Schüler/-innen etwas geringer ausfällt, dass die Differenz jedoch statistisch gesehen nicht signifikant ist. Das heisst also: Übers Ganze gesehen sind die Leistungen stabil geblieben. Was aber Anlass zur Sorge geben sollte: Der Anteil schwacher Leser/-innen ist höher: 2015 lag er bei 20 Prozent, 2018 bei rund 25 Prozent. Und dieser Anstieg ist signifikant.

Schwache Leser/-innen können im Pisa-Test gerade einzelne Informationen in einfachen Texten ablesen, zum Teil nicht einmal das. Müssten sie zum Beispiel im Beipackzettel eines Medikaments nachlesen, was bei der Einnahme zu beachten ist, würden sie nicht immer eine (korrekte) Antwort finden. Das kann unangenehme Folgen haben. Zudem fällt es ihnen sehr schwer, Informationen kritisch zu lesen, sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin einzuschätzen. Wer das nicht kann, ist leichter beeinflussbar. Auch das kann unangenehme Folgen haben.

Nicht erst seit Pisa weiss man, dass Lesefreude und Lesekompetenz zusammenhängen. Aber man weiss auch, dass sie sich gegenseitig bedingen, was im Schweizer Bericht nicht erwähnt wird. Vor allem aber zeigt sich in verschiedenen Studien immer wieder, dass Lesekompetenz stärker auf Motivation wirkt als umgekehrt, insbesondere wenn man die so genannte Leseflüssigkeit einbezieht: Wer einen Text nicht sicher und flüssig liest, der verliest sich immer wieder und braucht deutlich mehr Zeit. Das wäre so, als ob man im Kino einen chinesischen Film im Original sieht und die Untertitel nicht lesen kann, weil das zu schnell geht. Und man versteht häufig die Dialoge nicht, weil man einzelne Stellen falsch gelesen hat.

Zum ersten Mal hat Pisa 2018 zusätzlich zum Textverstehen Leseflüssigkeit gemessen, die Ergebnisse dazu aber noch nicht veröffentlicht. Zieht man andere Studien bei, kann man davon ausgehen, dass ein Grossteil der schwachen Leser/-innen nicht genug sicher und flüssig lesen kann. Wer nicht flüssig lesen kann, kann keine Lesefreude aufbauen.

Warum ist das wichtig?

Können Schüler/-innen nicht flüssig lesen, verstehen sie komplexe, aber auch einfachere Texte nicht: Sie können Sachtexte aus dem Fachunterricht – Physik, Biologie, Geschichte etc. – ebenfalls nicht verstehen. Nicht zuletzt lesen sie weniger. Sie können also ihr Wissen weniger gut ausbauen. Da man zudem weiss, dass ca. ab der 4. Klasse der Wortschatz zu einem grossen Teil über das Lesen erworben wird, öffnet sich die Schere auch beim Wortschatz. Ein Teufelskreis!

Schaut man über die Sekundarstufe I hinaus, zeigt sich, dass berufliche Lesekompetenzen enorm wichtig sind, und nicht nur in akademischen Berufen. Ein Schweizer Pharmabetrieb etwa stellt für die Produktion nur noch neue Mitarbeiter/-innen ein, wenn diese einen firmeninternen Lesetest bestehen: Damit will die Firma sicherstellen, dass die Hygienevorschriften von allen verstanden und befolgt werden.

Was kann die Schule tun?

Leseanimation richtet sich an Schüler/-innen, die schon recht gut lesen. Für schwache Leser/ -innen braucht es andere Massnahmen. So lohnt es sich auch noch auf der Sekundarstufe I, Leseflüssigkeit bei den schwächeren Lesern und Leserinnen zu fördern. Bewährt haben sich hierzu Lautlese-Verfahren: Ein Mitschüler kontrolliert eine Mitschülerin beim lauten Lesen und korrigiert sie, wenn sich diese verliest. Das alleine reicht aber noch nicht: Es braucht zudem eine Vermittlung von Lesestrategien, damit gerade auch Texte aus dem Fachunterricht «geknackt» werden können. Beides ist eine wichtige Aufgabe der Schule.

Vielleicht schaffen wir es nicht, dass alle eine Lesefreude aufbauen: Es müsste aber zu schaffen sein, dass alle über die grundlegenden Lesefähigkeiten verfügen, die eine Gesellschaft wie die unsere voraussetzt.