Per Autostopp um die Welt (94)

Das Problem mit der Schublade oder: «Wer ist Germán»?

In der Woche 94 reist Thomas Schlittler von San Carlos (Nicaragua) nach Puerto Jimenez (Costa Rica).

Thomas Schlittler
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Per Autostopp um die Welt Woche 94 BG 3
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Von San Carlos nach Puente Santa Fé: Unsere Woche beginnt mit einer Bootsfahrt auf dem Rio San Juan, der vom Nicaraguasee ins Karibische Meer fliesst
Am Fluss liegt eine Festung (El Castillo), welche die Spanier 1672 errichtet haben, um die Stadt Granada am Nicaraguasee vor Überfällen zu schützen
Die Spanier mussten ihr neu erobertes Territorium nicht nur gegen Piraten verteidigen, sondern auch gegen englische Truppen
Von der Festung aus sahen sie die Angreifer schon von Weitem kommen.
Wir schlafen in einer Holzhütte direkt am Fluss. Die Aussicht ist herrlich, das Spannendste ereignet sich aber in der Nacht
Direkt neben unserer Hütte zieht die ganze Nacht lang eine riesige Armee schwer beladener Ameisen vorbei
Als arbeitsscheu kann man diese Tiere wirklich nicht bezeichnen.
Ein grandioses Spektakel!
Am nächsten Tag setzt uns ein Boot bei der Brücke Santa Fe ab. Die Konstruktion steht erst seit 2014 und ebnet den Weg ins Nachbarland Costa Rica
Von Puente Santa Fé nach Grenze: Auf der Brücke steht ein Polizist, der eines der wenigen Autos für uns anhält. Unser Fahrer heisst Alex.
Von Grenze nach Kreuzung nach Abzweiger Cano Negro: Das erfahren wir aber erst, als uns Alex nach der Grenze erneut mitnimmt - dieses Mal vorne
Von Abzweiger Cano Negro nach Farm im Nirgendwo: Alex sagt, man dürfe in Costa Rica nicht auf der Ladefläche sitzen. Unseren nächsten Fahrern ist's egal
Farm im Nirgendwo nach Cano Negro: Victor ist Polizist und erzählt uns, dass ihn das Studium seiner Tochter 20 Mio. Colon (CHF 36'000.-) gekostet habe
Victor bringt uns an unser Tagesziel: Das Dörfchen Cano Negro im gleichnamigen Naturschutzgebiet
Das Feuchtgebiet ist ein Rückzugsort für unzählige (Wasser-)Vögel
Wir stehen früh auf und machen eine Bootstour, um die verschiedenen Vögel zu bewundern
Wir entdecken grosse ...
Vögel mit schwarzem ...
... und kleine Vögel
... und farbigem Gewand
Vögel mit langen ...
... und breiten Schnäbeln
Vögel, die gerne für die Kamera posieren
Und solche, welche die Flucht ergreifen, wenn man ihnen zu nahe kommt
Wie all die Vögel heissen, weiss ich leider nicht. Vogelexperten dürfen ihr Wissen aber gerne in den Kommentarspalten mit der Allgemeinheit teilen
In Cano Negro gibt es aber nicht nur Vögel zu bestaunen, sondern auch verschiedene Reptilien.
Wir entdecken ein paar Leguane
Und unzählige Kaimane
Kaimane werden oft mit Krokodilen verwechselt. Sie sind aber kleiner und weniger gefährlich.
Wir können diesem Kaiman mit unserem Boot deshalb sehr nahe kommen.
Von Cano Negro nach Upala: Mit El Pino, einem sechsfachen Familienvater, verlassen wir das Naturschutzgebiet Cano Negro wieder.
Von Upala nach Canas: Bevor uns die aufgeweckte Ärztin Jackeline mitnimmt, werden wir Zeugen eines Motorradunfalls. Zum Glück geht es aber glimpflich aus
Von Canas nach Praderas del Sol: Cris und Antonio waren schon einmal in Europa und der Schweiz - und in ein paar Wochen werden sie erneut dort sein
Von Praderas del Sol nach Tarcoles: Diese drei Ladies bringen uns ins Dörfchen Tarcoles, wo wir in einer Bar Germán kennenlernen (siehe Artikel)
Von Tarcoles nach Jaco: Der 24-jährige Marco hat zwei Kinder und ist viel ruhiger und zurückhaltender, als es auf dem Foto den Anschein macht
Von Jaco nach Quepos: Der Spanier Paco (links) und die Amerikanerin Miling haben einen Sohn, der einmal als Strassenmusiker durch die Schweiz tourte
Von Quepos nach Farm im Nirgendwo: Luis droht das Benzin auszugehen und er hat sein Portemonnaie zu Hause vergessen. Wir helfen ihm mit 20 USD aus.
Von Farm im Nirgendwo nach Uvita: Alexis (links) und sein Kumpel, dessen Name ich vergessen habe, nehmen uns mit,weil sie uns ein paar Stunden vorher...
... schon einmal am Strassenrand gesehen haben. Sie machen mit uns einen Abstecher zum Strand.
Von Uvita nach Cd Cortés: Das ist Alvaro und seine Grossmutter. Sie hat 8 Kinder. Für ihn kommt das nicht in Frage.
Von Cd Cortés nach Finca Alajuela: Denis transportiert Möbel. Der 27-Jährige ist auf dem Weg nach Panama.
Von Finca Alajuela nach Puerto Jimenez: Der über 70-jährige Enrique ist ein Original. Er ist auf dem Weg nach Puerto Jimenez, um in einem Fluss ...
... nach Gold zu suchen. In seinem japanischen Oldtimer hat er das richtige Material dafür.
Auf halber Strecke liegt der Wagen ab, weil der Motor überhitzt. Nach ein paar Minuten Pause kann die Fahrt aber weitergehen und wir kommen ans Ziel

Per Autostopp um die Welt Woche 94 BG 3

Thomas Schlittler

Germán ist ein 52-jähriger Banker aus Costa Rica. Der kleingewachsene, drahtige Mann hat sich gut gehalten. Er wirkt fast jugendlich, wenn er mit seinen schnellen, kurzen Schritten durch sein Heimatdorf läuft und jeden grüsst, der ihm über den Weg läuft. Nur das braungebrannte, leicht faltige Gesicht sowie ein ergrautes Ziegenbärtchen verraten, dass Germán kein Jungspund mehr ist.

Per Autostopp um die Welt Woche 94 BG 3

Per Autostopp um die Welt Woche 94 BG 3

Thomas Schlittler

Doch abgesehen von Alter, Beruf, Nationalität und Äusserem – wer ist Germán? Nachdem meine Freundin Lea und ich 15 Stunden mit ihm verbracht haben, könnten wir diese Frage auf vier verschiedene Arten beantworten:

1. Germán ist ein Dorforiginal

Allerdings nicht eines der ruhig-brummigen, liebenswert-mürrischen Sorte, wie es sie in der Schweiz so oft gibt, sondern ein extrem kontaktfreudiges Exemplar. Er springt in der kleinen Karaoke-Bar von einem Tisch zum anderen, schüttelt unzählige Hände und scherzt mit den alteingesessenen Gästen genauso wie mit der jungen Kellnerin, die seine Nichte ist. Mit der rundlichen Tanzbärin, welche die Ex-Frau einer seiner Brüder ist, schwingt er gekonnt die Hüften. Und er setzt sich wie selbstverständlich zu den zwei Fremden aus der Schweiz an den Tisch, die sich in das kleine costa-ricanische Kaff Tarcoles verirrt haben.

2. Germán ist ein Messie

In seinem kleinen Haus, das keine hundert Meter von der Bar entfernt ist, liegen Gegenstände, die nicht in vielen Haushalten zu finden sind. Zwei der drei Zimmer sind mit Fischernetzen vollgestopft und deshalb nicht begehbar. Auf der Terrasse hinter dem Haus kämpft die aufgehängte Wäsche gegen wildernde Pflanzen und einen Berg leerer Plastik-Wasserbehälter um den spärlichen Platz. Und das Frühstückstischchen ist zur Hälfte mit Muscheln bedeckt, die Germán aus dem pazifischen Ozean gefischt hat. Es ist ein Zuhause, das auf der Dorftratsch-Agenda von Tarcoles einen fixen Platz haben dürfte.

Ein Ordnungsfreak ist Germán definitiv nicht

Ein Ordnungsfreak ist Germán definitiv nicht

Thomas Schlittler
Ein Haus voller Fischernetze, wieso auch nicht

Ein Haus voller Fischernetze, wieso auch nicht

Thomas Schlittler

3. Germán ist ein Raben(gross-)vater
Er hat vier erwachsene Söhne von drei verschiedenen Frauen. Seine aktuelle Freundin, die ab und zu bei ihm übernachtet, gehört aber nicht zu den Müttern seiner Kinder. Das alles ist keine Schandtat. Ein besonders fürsoglicher Familienmensch ist Germán aber definitiv nicht. Das beweist die Tatsache, dass er seine einzige Enkeltochter, die seit acht Monaten auf der Welt ist, erst zweimal gesehen hat – und das, obwohl die Kleine im gleichen Dorf lebt wie er. Noch bedenklicher ist jedoch, dass Germán nicht einmal weiss, wie seine Enkelin heisst.
4. Germán ist ein unglaublich grosszügiger Gastgeber
Als Lea und ich sagen, dass wir mit unserem Zelt auf dem Spielplatz im Dorfzentrum übernachten wollen, bietet uns Germán sofort ein Zimmer in seinem Haus an – obwohl wir uns gerade einmal seit einer halben Stunde kennen. Damit wir Platz haben, ruft er auf der Strasse nach einem Kumpel, der ihm hilft, die Fischernetze an einen anderen Ort zu tragen. Er legt eine Matratze auf den Boden, zieht sie frisch an, und stellt einen Ventilator in unser Zimmer, welcher die Hitze in der Nacht erträglicher machen soll. Am nächsten Morgen bereitet Germán Kaffee, frischen Fisch, Rührei und Tortillas für uns zu. Dann sagt er mit einer herzlichen Umarmung goodbye.

Germán und ein Kumpel räumen die Fischernetze weg, damit Lea und ich einen Platz zum Schlafen haben.
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Und was für eines! Gracias, Amigo!
Am Morgen macht uns Germán ein Frühstück

Germán und ein Kumpel räumen die Fischernetze weg, damit Lea und ich einen Platz zum Schlafen haben.

Thomas Schlittler

Also, nochmals die Frage: Wer ist Germán? Kann jemand ein Guter sein, der den Namen seiner einzigen Enkeltochter nicht kennt? Kann jemand ein Schlechter sein, der Wildfremde in seinem Haus aufnimmt? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass sich Germán in keine Schublade einordnen lässt – und dass ich auf meiner Reise schon ganz viele Germáns getroffen habe.