Per Autostopp um die Welt (102)
Das natürliche Misstrauen gegenüber Politikern

In Woche 102 auf seiner Reise um die Welt reist Thomas Schlittler mit seiner Freundin von von Rivera (Kolumbien) nach Lago Agrio (Ecuador).

Thomas Schlittler
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Von Rivera nach Altamira: Unsere Autostopp-Woche beginnt mit dem redseligen Lastwagenfahrer José Silva
19 Bilder
Der Familienvater fährt uns Kurve um Kurve weiter südlich
Vorbei an fantastischen Landschaften
Kolumbien hat betreffend Natur wirklich alles zu bieten.
Von Altamira nach Pitalito: Ewer arbeitet für die regionale Lotteriegesellschaft. Es gibt Autos, Roller und Kühe zu gewinnen.
Von Pitalito nach Kreuzung San Agustin: Bei José sitzen wir leider nur ganz kurz im Auto. Schade, er machte einen sehr aufgeweckten Eindruck
Insgesamt wurden im Gebiet rund um San Agustin bereits über 400 Stein- und Felsskulpturen entdeckt
Die Region hat aber noch mehr zu bieten als jahrhundertealte Steinskulpturen: Zum Beispiel den Wasserfall Salto del Mortiño
Oder den 400 Meter hohen Salto de Bordones
...
Den Sonnenuntergang über der Schlucht verpassen wir leider knapp.
Von Kreuzung San Agustin nach Villagarzon_Alfredo fährt wie ein Formel-1-Fahrer und zeigt uns die zerstörte Stadt Mocoa (siehe Artikel)
Von Villagarzon nach Santa Ana: Rechtsanwalt Heraldo will indigenen Stämmen im Amazonas dabei helfen, ihren Lebensraum zu erhalten (siehe Artikel)
Von Santa Ana nach Yarumo: Viehzüchter Daniel (rechts) und sein Sohn haben nicht viel Gutes zu sagen über die kolumbianische Regierung (siehe Artikel)
Von Yarumo nach San Miguel: Herman nennt sich selbst einen Revolutionär ohne Waffen (siehe Artikel)
Der stolze Indigena redet mit uns aber nicht nur über Politik, sondern zeigt uns auch sein Lieblingsrestaurant
Hier gibt es nur Rindfleisch - aber wohl das beste Rindfleisch, das wir in zwei Monaten Kolumbien gegessen haben
Per Autostopp um die Welt Fahrerselfies Woche 102
Von Grenze Kolumbien-Ecuador nach Lago Agrio: Auch Edwin redet sehr gerne. Wir sind gespannt, ob das typisch ist für die Ecuadorianer. Wir werden es herausfinden.

Von Rivera nach Altamira: Unsere Autostopp-Woche beginnt mit dem redseligen Lastwagenfahrer José Silva

Thomas Schlittler

Die kolumbianische Kleinstadt Mocoa liegt in Trümmern. Entlang des Flussufers, wo bis vor ein paar Wochen unzählige Häuser standen, befinden sich jetzt Steinbrocken so gross wie Kühlschränke. Die 40'000-Einwohner-Stadt wurde Ende März von einer gewaltigen Schlamm- und Steinlawine überrollt.

Gemäss offiziellen Angaben kamen bei der Umweltkatastrophe 323 Menschen ums Leben. Doch unser Fahrer Alfredo, mit dem wir die zerstörte Stadt passieren, schüttelt über diese Zahl nur den Kopf: „In Wahrheit sind mindestens 1000 Menschen gestorben. Seht euch das doch mal an, mehrere Stadtviertel wurden komplett ausgelöscht!“

Auch Viehzüchter Daniel, bei dem meine Freundin Lea und ich einen Tag später im Auto sitzen, hält die offiziellen Opferzahlen für deutlich zu tief. Er ist überzeugt davon, dass die Behörden das wahre Ausmass der Tragödie bewusst verschweigen: „Sie wollen damit verhindern, dass die Kritik zu gross wird. Denn viele hier sind der Meinung, dass die Regierung zu langsam und unorganisiert auf die Katastrophe reagiert hat.“

Alfredo: 'In Wahrheit sind mindestens 1000 Menschen gestorben.'

Alfredo: 'In Wahrheit sind mindestens 1000 Menschen gestorben.'

Thomas Schlittler
Viehzüchter Daniel (rechts): 'In Bogotá interessiert sich niemand für unsere Region.'

Viehzüchter Daniel (rechts): 'In Bogotá interessiert sich niemand für unsere Region.'

Thomas Schlittler

Ich habe keine Ahnung, ob die Anschuldigungen von Alfredo und Daniel gerechtfertigt sind. Die Aussagen zeigen aber exemplarisch, wie wenig Vertrauen die Kolumbianer in ihre Regierung haben. Viele Menschen glauben, dass Politiker lügen, sobald sie den Mund aufmachen – sogar wenn es um Opfer einer Naturkatastrophe geht.
Dieses Misstrauen haben wir in ganz Kolumbien gespürt, hier in der Provinz Putumayo aber besonders ausgeprägt. Das kommt nicht von ungefähr, denn das Gebiet an der Grenze zu Ecuador und Peru war viele Jahre lang nicht unter der Kontrolle der Zentralregierung. Stattdessen hatte hier die Guerillabewegung FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) das Sagen – und es herrschte Krieg.
Seit dem 1. Dezember 2016 ist der Friedensvertrag mit der FARC in Kraft. Die blutige Geschichte Putumayos sollte deshalb zu Ende sein. Doch so einfach ist das nicht. Zwar hat das Abkommen mit der FARC dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos den Friedensnobelpreis eingebracht, doch das Vetrauen der Bevölkerung konnte er damit nicht zurückgewinnen. Viehzüchter Daniel: „Der Friedensvertrag ist eine Farce!“

Rechstanwalt Heraldo: „Zu Beginn war es sehr schwierig, weil mir die Menschen nicht vertrauten.“

Rechstanwalt Heraldo: „Zu Beginn war es sehr schwierig, weil mir die Menschen nicht vertrauten.“

Thomas Schlittler
Indigena Herman: 'Vom Frieden profitieren werden andere.'

Indigena Herman: 'Vom Frieden profitieren werden andere.'

Thomas Schlittler

Als Heraldo seine Stelle vor eineinhalb Jahren antrat, wurde er von den Indigenas in Putumayo aber nicht mit offenen Armen empfangen: „Zu Beginn war es sehr schwierig, weil mir die Menschen nicht vertrauten.“ Mittlerweile hat sich das gebessert. Heraldo spürt, dass ihm die Menschen mehr und mehr vertrauen. Jedoch nur ihm als Person. Der kolumbianische Staat als Ganzes ist davon noch weit entfernt. Das zeigt das unmissverständliche, wenig diplomatische Abschlussstatement von Viehzüchter Daniel: „In Bogotá interessiert sich niemand für unsere Region. Für die Regierung sind wir – entschuldigt bitte die Wortwahl – die Scheisse der Nation.“

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