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Gastkommentar

Das Auto, unser surrealer Sehnsuchtsort

Gastkolumne zur Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt
Ludwig Hasler
Werbung weltfremd: Das Auto - nicht in der verstopften Agglomeration, sondern in unberührter Natur.

Werbung weltfremd: Das Auto - nicht in der verstopften Agglomeration, sondern in unberührter Natur.

Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist. Autor des soeben erschienenen Buches «Für ein Alter, das noch was vorhat».

Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist. Autor des soeben erschienenen Buches «Für ein Alter, das noch was vorhat».

«Driving Tomorrow» heisst das Motto der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt. Englisch empfiehlt sich schon darum, weil die Zukunft der Mobilität kaum deutsch spricht. Zwar präsentieren jetzt auch VW und BMW und Mercedes Elektro-Varianten. Endlich. Doch wo ist da Zukunft – solange die Herkunft des Strom zweifelhaft, die Entsorgung der Batterien ungelöst ist? E-Cars stinken nicht und röhren nicht durch die Gegend, bravo! Am Konzept unserer anachronistischen Mobilität ändern sie nichts.

Zur Gegenwart der Mobilität:

Die Räume sind bald überall verstopft, die Stauzeiten nehmen zu, die Aggressivität ebenso; wir nerven uns alle wechselweise (im Auto, auf dem Velo, zu Fuss); das Auto ist manchmal praktisch – und haarsträubend ineffizient, 95 % der Zeit steht es ungenutzt herum, die stets pompösere Ausrüstung transportiert 1,1 Personen, mit seiner technischen Potenz könnte es glatt am Rennen in Le Mans teilnehmen, im Alltag bewegt es sich im Schneckentempo, kaum 40 Kilometer pro Stunde.

Zukunft sähe eher so aus:

Güter werden unterirdisch durch Hyperloops gejagt. Automatisiertes Fahren verändert die Nutzung, auch den Besitz. Abrufbare Vehikel mit Autopilot bringen uns sicher und pünktlich ans Ziel. Der Verkehr fliesst, logistisch wie von Geisterhand gesteuert. Voraussetzung: Wir nehmen den ewigen Störfall Mensch weg von Steuer und Gaspedal.

Genau darum bleibt der Appetit auf diese Zukunft bescheiden – ausser in Städten. Da haben jüngere Leute kaum noch ein (eigenes) Auto, sie bevorzugen Share-Mobility, also Zugriff auf alle Transportarten, sie wählen die effizienteste, mal Velo, mal Bahn, mal E-Treter. Das Auto wirkt da relativ schwerfällig – und doch reihen wir uns massenhaft ein in die Blechlawine, ruckeln wie ein Tatzelwurm von Ampel zu Ampel. Der Platz wird stets enger, das Auto Jahr für Jahr grösser, stärker, tonnenschwerer.

Kein Wunder, wird das Auto so weltfremd beworben. Nie als brauchbares Vehikel in der realen, verkehrsverstopften, dichtegestressten Agglomeration. Eher als surreales Gefährt in entvölkerten Gebirgslandschaften oder sandverstürmten Wüsten. Stets steuert so ein Typ Steppenwolf seinen vierradgetriebenen Wundergleiter über voralpin verschneite Serpentinen oder auf städtisch einsame Opernvorplätze. Die Botschaft soll wohl lauten: Wer dieses Auto fährt, erlebt die Welt wie Adam einst, als privilegierter Erdenbewohner, der Sonne und Berge und Stadt mit keinem Unwürdigen teilen muss. Und irgendwo am Strassenrand taucht verlässlich Eva auf, das Weib an sich, das staunend Adams Glitzerding erblickt, ganz so, als ginge ihr gerade das Geheimnis allen Menschenglücks auf.

Zufall ist das nicht. Je weiter sich der reale Verkehr – Stau, Dreck, Lärm – vom Paradies entfernt, desto paradiesischer muss das Leben im Auto erscheinen.

Im vergangenen Jahrhundert verstanden wir Automobilität als ein Stück Freiheitsgeschichte, als Raumeroberung und Selbstbestimmung. Das Automobil als Sehnsuchtsort – die grosse Verheissung der Moderne. Nebst Industrialisierung und Elektrifizierung war es das Versprechen, das vor allem dem Individuum galt: Sinnbild für die Utopie persönlicher Freiheit. Es hatte Heckflossen und hiess „Ascona“ oder „Capri“, mit ihm rauschten wir ab in den Süden. Heute verwandelt sich unser altes Sehnsuchtsobjekt in ein Kampfgefährt, das umso aggressiver wirkt, je länger es im Stau steht. Es wird zunehmend schwierig, einem Auto zu begegnen, das einem nicht vorkommt wie ein potenzieller Aggressor, so mächtig und laut und PS-potent donnert das Testosterongefährt SUV auf uns zu, als wären wir im Kriegsgebiet. Meist steigen dann nur friedlich Schulkinder aus.

Die Logik geht so:

Wird die Realität draussen stets ungemütlicher, müssen wir uns gegen sie panzern. So verstopfen wir Verkehrsräume zwar noch übler, doch wir wollen nur dies: im Auto allein sein – wie in einer modernen Arche, die uns die lästigen Massen vom Leib hält. Das Auto als Etui höchstpersönlicher Individualität, als Urlaub vom Homo socialis, als letzte Chance, eine Welt für sich zu haben, eine Art Zweitwohnung für unterwegs.

Irgendwie verständlich. Was die Sache nicht schlauer macht. Jedenfalls verbauen wir uns so den Weg in eine leichtere, beweglichere, intelligentere Zukunft der Mobilität.

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