Königlicher Nachwuchs
Darum interessiert uns die kleine Charlotte

Was geht uns die Geburt der Tochter von Prinz William und seiner Frau Kate an? Überhaupt nichts. Denn wir sind Demokraten und haben mit diesen Royals in England nichts am Hut. Ist das so?

Peter Rothenbühler*
Peter Rothenbühler*
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Die kleine Prinzessin.
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Die Royals verliessen das Spital noch am selben Tag.
Die frischgebackene Mutter Herzogin Kate.
Prinz Charles und Lady Diana mit ihrem Sohn William.
Stolz: Kate und William mit der kleinen Prinzessin.
Die Prinzessin ist die Nummer fünf in der britischen Thronfolge.
Wie lange wird es wohl dauern, bis wir den Namen erfahren?
Prinz William mit Sohn Prinz George.
Prinz William und Herzogin Kate präsentieren ihre Prinzessin
Heiligenbilder zu Ehren von Kate
Ein Marktschreier verkündet die frohe Kunde.
1984: Prinz William verlässt mit seiner Nanny Barbara Barnes das St. Mary's Hospital, nachdem sie seine Mamma Lady Diana besucht hatten, welche gerade Prinz Harry entbunden hatte.

Die kleine Prinzessin.

Keystone

Die Geburt von Charlotte Elizabeth Diana in der Familie Windsor-Middleton ist ein klassisches Non-Ereignis, politisch und gesellschaftlich völlig irrelevant. So sagt es mein Freund aus Paris etwas enerviert am Telefon, als ich ihm die freudige Nachricht «es ist ein Mädchen!» mitteile. «Et alors?»

Er ist ein Intellektueller, der genau weiss, was wesentlich ist und was nicht. Und er hat natürlich recht: Die Französische Revolution hat uns schliesslich Liberté, Egalité und Fraternité gebracht, alle Menschen zu Brüdern gemacht und die Könige und andere, die sich über die einfachen Bürger erhoben, um einen Kopf kürzer.

Wofür interessieren sich alle Menschen am meisten?

Warum also dieses Geschrei um die Geburt dieser Charlotte Elizabeth Diana, der Vierten in der englischen Thronfolge, einer Prinzessin, die etwa so gut in unsere Zeit passt wie eine Dampflokomotive. Nun, tatsächlich ist das Ereignis ausserhalb von Grossbritannien, wo es immerhin zur guten Stimmung des Volkes beiträgt, nicht wichtig. Aber es ist interessant! So interessant, dass keine Zeitung darum herumkommt, darüber ausführlich zu berichten. Jede Redaktion hat sich bemüht, einen Freiwilligen zu finden, der das Drum und Dran zusammenfasst, denn ein Blatt mit dem Bild der kleinen Charlotte in den Armen ihrer tapferen Mutter, die elf Stunden nach der Geburt schon wieder frisch frisiert und geschminkt vor der Klinik stand, verkauft sich gut. Denn wofür interessieren sich die Menschen, alle Menschen am meisten? Für andere Menschen! Und dafür, wie andere Menschen leben, nicht nur, was für Kleider sie tragen und welche Möbel sie kaufen, nein, vor allem wie sie mit den grossen Ereignissen des Lebens, Hochzeit, Geburt, Krankheit, Tod und mit den grossen Emotionen des Lebens umgehen: Liebe, Hass, Neid, Freundschaft, Verrat, Erfolg und Misserfolg, Freude und Trauer.

Wann interessieren wir uns für die Nachbarn? Wenn ihre Tochter einen neuen Freund hat, schwanger ist oder heiratet. Oder sich in furchtbare Probleme verstrickt mit der Familie ihres Freundes, das ist fast am interessantesten, darüber reden wir tagelang. Denn wir lieben Dramen. Nur darum geht es ja auch bei den Königsdramen von Shakespeare, um die menschlichen Emotionen, Ränkespiele und Abgründe, die wir alle so gut nachempfinden können.

Dass bei Shakespeare die Hauptfiguren Könige und Prinzen waren, hat nichts mit der damaligen Politik oder mit Geschichtsunterricht zu tun, sonst wären die Dramen längst veraltet, nein, der Status von Königen macht deren Gefühle und Ränkespiele, Familienintrigen und Eifersuchtszenen einfach viel wichtiger, es gibt jedem Verrat eine grössere Fallhöhe, jedem Kuss eine tiefere Intensität. Dadurch können wir uns auch besser identifizieren. Ein Fiesling in der Nachbarschaft bleibt ein Fiesling; wenns ein König ist, können wir irgendwie nachempfinden, warum er so fies ist, vielleicht sogar so fies sein muss.

Geht es um Gefühle, sind wir alle Königinnen und Prinzessinnen

Tiefenpsychologisch gesehen heisst es: wenn es um die Wichtigkeit der Gefühle geht, sind wir alle Königinnen und Prinzessinnen. Und interessanterweise sind die echten Königsfamilien von heute nur noch Darsteller einer echten, abwechslungsreichen, manchmal hochdramatischen (man denke an Diana!) Familiengeschichte. Nicht nur «Fascht e Familie», sondern eine richtig blaublütige Familie, die dafür bezahlt wird, ein gutes Leben zu führen, sich zu paaren, Thronfolger zu zeugen und mit guten Manieren Vorbilder zu sein. Also eine Projektionsfläche für Emotionen zu sein. Buckingham ist die einzige weltweit geschaute Live-Serie, bei der die Darsteller nach dem Auftritt nicht nach Hause gehen. Das ist Big Brother bis ins Grab!

Anders gesagt geht es um das Wichtigste und Interessanteste und Rührendste, das es überhaupt gibt. Die Geburt eines Babys, einfach mit Krönchen. Übrigens: Meine Mutter ist gleich alt und ebenso resistent wie Königin Elisabeth II. und bekam mich im gleichen Jahr wie die Queen ihren Charles. Auch das weckt natürlich bei mir ein besonderes Interesse. Allerdings habe ich keine abstehenden Ohren.

* Peter Rothenbühler war Autor, Journalist und Editorial Designer von "SonntagsBlick", "Schweizer Illustrierte" und "Le Matin". Er lebt in Lausanne und Paris.

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