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Kommentar

Dann zwitschern sie halt am Telefon

Twitter verbietet Politikern die Werbung auf dem Kurznachrichtendienst.
Pascal Ritter
Pascal Ritter

Pascal Ritter

Der Kurzmitteilungsdienst Twitter will keine politische Werbung mehr zulassen. Werbe-Tweets, die sich auf Wahlen oder Kandidaten beziehen, und solche, die für eine Gesetzesänderung von nationaler Bedeutung werben, sollen künftig nicht mehr möglich sein.

Das Werbevolumen auf Twitter ist im Vergleich zu Facebook unbedeutend. Man könnte also Twitters Politikwerbeverzicht als geschicktes Marketing in eigener Sache abtun, das im besten Fall den Konkurrenten Facebook auch noch in Zugzwang bringt. Es lohnt sich aber dennoch, die elf Kurznachrichten durchzulesen, die Twitter-Chef Jack Dorsey zur Begründung des Werbeverbots abgesetzt hat.

Ob Nachrichten weiterverbreitet werden, ist auf Twitter grundsätzlich eine Entscheidung der Nutzer.

Sie können Nachrichten anderer entweder mit einem Herz versehen oder die Nachricht an die eigene Gefolgschaft weiterleiten. Nutzer sehen so nicht nur Nachrichten von Verfassern, denen sie folgen, sondern auch Botschaften, welche ihren virtuellen Informanten gefallen. Die Tweets, die auf dem Bildschirm erscheinen, durchlaufen gewissermassen einen Filter, den die Nutzer durch die Auswahl ihrer Informationsquellen selber eingestellt haben. Hinzu kommt ein Algorithmus, der Nachrichten nach unbekannten Regeln gewichtet.

Firmen können sich aber den Durchlass durch diesen Filter erkaufen. Bezahlen sie einen gewissen Betrag, erscheinen Tweets bei Nutzern, die sich gar nicht für solche Botschaften angemeldet haben. Bisher konnten das auch Politiker und politische Parteien tun, künftig ist das nicht mehr möglich. Dorsey schreibt, politische Nachrichten müssten sich ihre Reichweite verdienen. Verbreitung dürfe nicht gekauft werden. Die Bezahlmöglichkeit würde es zudem ermöglichen, schreibt er weiter, zielgruppenoptimierte Botschaften Leuten aufzuzwingen. Dorsey spielt damit auf die Möglichkeit an, Nutzern mit gewissen Eigenschaften und Vorlieben speziell für sie zugeschnittene Werbung zu zeigen. Insbesondere nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten war kritisiert worden, dass über die sozialen Medien gezielt gewisse Wähler er- oder entmutigt wurden, zur Wahl zu gehen. So wurden etwa Afroamerikanern negative und zum Teil frei erfundene Schauergeschichten über Hillary Clinton gezeigt, um sie davon abzuhalten, die demokratische Kandidatin zu wählen. Dorsey will nun die Wähler vor der Beeinflussung durch solche zielgruppenoptimierten Unwahrheiten bewahren.

Die Entscheidung von Twitter ist richtig. Denn – anders als von Kritikern behauptet – das Netzwerk übt keine Zensur.

Es schränkt lediglich die Möglichkeit ein, sich mit Geld Reichweite zu erkaufen. Man kann immer politische Inhalte verbreiten – unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Man darf die Botschaften nun nur nicht mehr mit Geld in ein besseres Licht rücken. «Es geht hier nicht um Meinungsäusserungsfreiheit», schrieb Twitter-Chef Dorsey.

Twitter masst sich nicht an, über Wahrheit oder Lüge zu befinden, sondern vertraut auf die Schwarmintelligenz. Die Leute sollen selber entscheiden, ob es sich bei einer Kampagne um eine Nachricht handelt, die es verdient hat, weiterverbreitet zu werden oder nicht. Die Entscheidung beruht auf der Erkenntnis: Man kann noch so viele Faktenprüfer einstellen. Es wird ihnen nicht gelingen, alle politischen Botschaften zufriedenstellend auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Denn in der Politik geht es vor allem um Interpretationen und Gewichtungen. Jeder zensierte Propaganda-Tweet würde im jeweiligen Lager für einen Entrüstungssturm sorgen.

Das Ende der Polit-Werbung auf Twitter führt aber auch zu Problemen. Einer Fleischfabrik bleibt es künftig etwa erlaubt, für Hackfleisch zu werben. Gleichzeitig würde Werbung für Veganismus, zumindest wenn es um konkrete Gesetzesvorlagen geht, wohl verboten. Zudem werden politische Parteien andere Wege finden, gezielt Zielgruppen mit Werbung zu beliefern. Parteien sind längst dabei, über ihre Wähler eigene Datenbanken anzulegen. Sie werden vielleicht keine Twitter-Propaganda zwangseinblenden, dafür schreiben sie gezielte E-Mails oder rufen gleich an.

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